Neues von Jelinek, Röggla und anderen bei den „Stücken“ in Mülheim

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Blutige Geldkämpfe: Szene aus Elfriede Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns“. ▪

Von Annette Kiehl ▪ MÜLHEIM–Während der Chor der Kleinanleger hilflos nach verloren gegangenen Forderungen sucht, wird das neue Sofa von den Möbelpackern wieder abgeholt. Das Kapital macht Urlaub. In der Karibik treibt es nun so viel Sport, dass es ganz dünn geworden ist, kalauert einer der Gläubiger. So einfach kann man die versickerten Geldströme erklären.

Die Wirtschaftskrise und ihre Auswüchse sind auf der Theaterbühne angekommen, zeigt Elfriede Jelineks „Kontrakte des Kaufmanns. Eine Wirtschaftskomödie“. Als Beitrag für die 35. Mülheimer Theatertage „Stücke“ steht ihr Text, von Nicolas Stemann am Hamburger Thalia-Theater inszeniert, beispielhaft für einen politisch geprägten Festival-Jahrgang: Roland Schimmelpfennig greift in „Der goldene Drache“ den Kreislauf der Globalisierung auf, Kathrin Röggla kritisiert in „Die Beteiligten“ die Mediengesellschaft, Dirk Laucke rückt in seinem Stück „Für alle reicht es nicht“ Wiedervereinigungs-Verlierer in den Fokus, für die immer Wirtschaftskrise ist.

Dabei stellt sich im Wettbewerb um den Jury-Preis (15 000 Euro) und den Publikums-Preis drängender als in den vergangenen Jahren die Frage, was das Theater zu aktuellen Diskussionen beitragen kann. Was macht das beste Stück eines Jahres aus?

Elfriede Jelinek und Nicolas Stemann, der als Regisseur ein Co-Autor ihrer Textflächen ist, haben an ihrem vielfach ausgezeichneten Konzept festgehalten: Das Stück, das die Nobelpreisträgerin bereits vor der Lehman-Pleite schrieb, wird auf der Bühne zur Performance. Weisheiten und Nichtigkeiten strömen in Wortschwällen auf das Publikum ein, Halbwahrheiten werden vorgeführt, gesungen, aufgespießt und jede Illusion von Sicherheit zerstört. Der Abend ist ein Ereignis, doch er bleibt im Rahmen des Erwarteten. Was hier über gierige Banker und Anleger gespottet wird, hat man schon oft gelesen.

Auch die Dramatikerin Kathrin Röggla setzt sich in „Die Beteiligen“ mit den Medien auseinander. Als Beispiel nutzt sie die Sensationslust, die auf das österreichische Entführungsopfer Natascha Kampusch einbrach. Das Stück versammelt die Experten, PR-Manager, Nachbarn und Fans. Soweit, so bekannt. Ein Kunstgriff macht diesen Abend – inszeniert von Stephan Rottkamp am Schauspielhaus Düsseldorf – zu einer Herausforderung: Durch die sechs Figuren spricht stets Kampusch, erzählt ihre Geschichte aus wechselnden Perspektiven.

Der Festival-Jahrgang 2010 zeigt, dass gerade die Werke überzeugen, die eine spielerische Auseinandersetzung anbieten. Dazu zählen neben Schimmelpfennigs exzellent verschachtelter Geschichte vom zahnkranken Chinesen in „Der goldene Drache“ vor allem Dea Loher und Nis-Momme Stockmann. Stockmann ist der einzige „Stücke“-Debütant. Der 1981 auf Föhr geborene Autor, gelernter Koch und Absolvent des Studienganges „Szenisches Schreiben“ an der UdK Berlin, gilt als neuer Star der Dramatikerszene.

In „Kein Schiff wird kommen“ erzählt Stockmann ein bisschen witzig und ein bisschen melancholisch die Geschichte eines jungen Theater autors, der ein Stück über den Mauerfall schreiben soll. Weil das nun in Mode ist. Das Thema ist dem Nachwuchsautor fern, deshalb reist er zu seinem Vater auf die Insel, um sich von der Vergangenheit erzählen zu lassen. Daraus wird eine Geschichte von Nähe und Distanz, Sinnsuche und Erinnerungen – und eine wunderbare Satire auf den Theaterbetrieb. Annette Pullen hat sie am Schauspiel Stuttgart lebendig und berührend inszeniert. Ob Stockmann sich im Wettbewerb durchsetzen wird, ist jedoch fraglich. Junge Debütanten haben es in Mülheim gewöhnlich schwer.

Dea Loher wurde bereits zwei Mal mit dem „Stücke“-Preis ausgezeichnet und liefert mit „Diebe“ einen ungewohnt komödienhaften Beitrag, der einmal mehr ihre Souveränität unterstreicht. Die Inszenierung von Andreas Kriegenburg am Deutschen Theater Berlin ist gewaltig und wird von einem exzellenten Ensemble so charmant wie eindringlich gespielt. Es ist die Geschichte der zwölf Menschen, die eigentlich gar nicht im Mittelpunkt stehen wollen. Zum Beispiel Monika, die Supermarkt-Leiterin, die auf eine Versetzung hofft; Linda, die erzählt, einen Wolf gesehen zu haben und nun auf die Errichtung eines Naturschutzgebietes spekuliert; Finn, der nicht mehr aufstehen will und bald verschwindet. Zu Gute-Laune-Musik wirbeln sie umher, doch ahnen bald, dass ihr Plan vom unauffälligen Leben nicht trägt.

Die 35. Mülheimer Theatertage „Stücke“ laufen bis 3. Juni. Nach der Aufführung von Ewald Palmetshofers „faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete“ entscheidet die Jury über den Preis für das beste neue Stück des Jahres.

Tel. 0208/ 455 41 14, http://www.stuecke.de

Quelle: wa.de

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