Neues Buch: Ralph V. Turner porträtiert Herzogin Eleonore von Aquitanien

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Als fromme Leserin zeigt das Grabmal in der Abtei Fontevraud die Herzogin Eleonore von Aquitanien. ▪

Von Jörn Funke ▪ Ob sie blond oder brünett war, ist nicht überliefert. Aber sie soll eine Schönheit gewesen sein, darin waren sich ihre Zeitgenossen einig. Und darin, dass sie ein abenteuerliches Leben führte. Eleonore von Aquitanien (1124–1204), erst Königin von Frankreich, dann von England, gehört zu den schillerndsten Gestalten des Mittelalters. Sie wurde als Verführerin verfemt und „Königin der Troubadoure“ gefeiert und als Frühfeministin verklärt. Der amerikanische Historiker Ralph V. Turner versucht ihr nun in einer neuen Biografie gerecht zu werden.

Turner nennt Eleonore die „Königin des Mittelalters“. Der Titel ist Programm, Eleonore ist so etwas wie der Popstar der Mediävistik, eine schöne, lebenslustige und politisch ambitionierte Frau im 12. Jahrhundert. Als Erbin des üppigen Herzogtums Aquitanien in Südwestfrankreich war Eleonore die begehrteste Braut Europas. Sie heiratete 1137 den französischen Thronfolger, der kaum einen Monat später als Ludwig VII. regierte. Die Ehe zerbrach 1147/48 auf dem Zweiten Kreuzzug und wurde 1152 spektakulär geschieden.

Zwei Monate später war Eleonore mit Ludwigs Konkurrent Heinrich Plantagenet verheiratet, der als Heinrich II. den englischen Thron bestieg. Ihre Ländereien bildeten das nach der französischen Grafschaft Anjou benannte Angevinische Reich, das sich von Aquitanien über die Loire, die Bretagne und die Normandie und England erstreckte.

Turner nimmt sich Zeit, um Eleonores Lebensweg darzustellen und zeigt dabei auch die Grenzen der Geschichtsschreibung auf. Nur rund 200 Dokumente aus Eleonores Hand sind erhalten, viele Aspekte ihrer Vita bleiben Interpretation. Im Mittelpunkt von Turners Interesse steht die Frage, wie eigenständig eine ehrgeizige und fähige Königin im Hochmittelalter agieren konnte. Die Möglichkeiten, so seine Erkenntnis, waren in einer Epoche, in der die kirchlich geförderte Frauenfeindlichkeit um sich griff, begrenzt. Doch Eleonore nutzte sie, wo es nur ging.

Zeitgenössische Chronisten stuften die selbstbewusste Herzogin als Sünderin ein. Der Spruch, mit Ludwig habe sie einen Mönch und keinen Mann geheiratet, wurde ihr zugeschrieben. Gerüchte über eine Affäre mit ihrem Onkel Raymond, einem Kreuzfahrerfürsten, beschädigten ihr Ansehen für Jahrhunderte – Großbritanniens Nationaldichter Alfred Tennyson dichtet ihr noch 1884 ein Verhältnis mit dem Sultan Saladin an, dem Kreuzzugsgegner ihres Sohnes Richard Löwenherz.

An die Macht kam Eleonore im hohen Alter, als Heinrich II. 1189 starb – er hatte sie zuvor 15 Jahre lang unter Hausarrest gehalten. Sie regierte England, während Richard Kreuzzug und Kriege führte. Nach dessen Tod 1199 versuchte sie, ihrem Sohn Johann das Angevinische Reich zu erhalten. Es zerbröckelte nach ihrem Tod 1204 recht schnell – doch der Konflikt zwischen Engländern und Franzosen, den Eleonore mit heraufbeschworen hatte, sollte noch Jahrhunderte bestehen.

Ralph V. Turner: Eleonore von Aquitanien. Königin des Mittelalters. Verlag C. H. Beck: München. 496 S., 24,95 Euro

Quelle: wa.de

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