Neues Buch: Ngugi wa Thiong‘o: „Träume in Zeiten des Krieges“

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Ngugi wa Thiong'o

Von Ralf Stiftel ▪ Der kenianische Schriftsteller Ngugi wa Thiong‘o galt kurz vor der Vergabe noch als Favorit für den diesjährigen Literaturnobelpreis. Bekommen hat er die Auszeichnung nicht. Trotzdem gilt er als eine Stimme Afrikas. Von seiner Kindheit in der Umbruchsepoche der Entkolonisierung erzählt der Autor überaus packend in seiner Autobiografie „Träume in Zeiten des Krieges“.

Der Konflikt mit der Kolonialmacht Großbritannien ist in dieser Lebenserzählung ständig gegenwärtig. Ngugi wa Thiong‘o beginnt aber mit einem vermeintlich anderen Thema: Mit Hunger und Leselust. Er erzählt von einem Tag ohne Mittagessen, an dem er sich in der Schule mit Lektüre von Gedanken an Essen ablenkte. Ngugi wurde 1938 geboren in alten Stammesverhältnissen: „Ich weiß nicht, welchen Platz ich vom Alter her unter den vierundzwanzig Kindern meines Vaters und seiner vier Frauen einnahm, aber ich war das fünfte Kind im Haus meiner Mutter.“ Der Vater gilt als reicher Mann, weil er viel Vieh besitzt. Als die Ziegen aber vergiftet werden, verliert er alles. Schon vorher erlebt er Unrecht in einer ungleichen Gesellschaft: Er hatte Land gekauft, auf der Basis eines mündlichen Vertrags gegen Vieh. Und der Verkäufer verkaufte das Land ein zweites Mal, diesmal mit einem Vertrag gegen Geld. Es ist klar, dass der Handel nach dem Recht der Kolonialmacht galt und Ngugis betrogener Vater leer ausging.

Der Autor hält sich dicht an den Alltag in jener unliterarischen Ära, schreibt von den Geschäften seiner älteren Brüder, von Schulen, von der Familie, vom Ritual der Beschneidung. Die Harmonie der polygamen Verhältnisse zerbricht, als der Vater seine Frau und deren Kinder verstößt. Von einem auf den anderen Moment gelten Ngugi und seine Geschwister als Fremde. Sein Großvater wählt ihn zum Glücksbringer, weshalb er jeden Morgen vorbeikommen muss. Die Großmutter hatte einen Schlaganfall erlitten, aber ein Heiler spricht von bösem Zauber und „entfernt“ ihr Glasscherben, die ihr angeblich in den Körper gehext wurden. Der Autor unterstreicht den Willen zum Aufstieg: Er und seine Mutter schließen gleichsam einen Vertrag, und sie macht ihn darauf aufmerksam, wie arm sie sind. Aber er will lernen. Schon die Beschaffung einer Schuluniform wird zum ernsthaften Problem, so wie später die Fahrt zur Alliance High School, mit der das Buch endet.

Die Politik aber und der Krieg bleiben präsent. Der Konflikt zog sich durch die Familie: Ngugis Bruder kämpfte gegen die Briten, ein Halbbruder für sie. Am Ende wird der Autor festgenommen von Kolonialsoldaten und einsortiert. Es gibt die Üblen, die Übleren und die Übelsten. Die letzteren kommen ins Konzentrationslager. Aber Ngugi übersteht das Verhör des üblen „Effendi“.

Dies ist nicht literarisch überhöht, sondern ein nüchterner Bericht. Zwischenzeitlich nennt sich der Autor James Ngugi, nimmt aber später wieder seinen afrikanischen Namen an. Seine Dramen und Romane schrieb er dann in Gikuyu, wandte sich den Kenianern als erster Leserschaft zu. 1977 wurde er verhaftet und vom Regime Daniel arap Mois ins Exil gezwungen. Aber das kommt im vorliegenden Buch nicht mehr vor. Das erzählt bewegend vom langsamen Erwachen eines literatur- und freiheitshungrigen Intellekts.

Ngugi wa Thiong‘o: Träume in Zeiten des Krieges. Deutsch von Thomas Brückner. A1 Verlag, München. 263 S., 22,80 Euro

Quelle: wa.de

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