Neues Buch: „Die Malerei der deutschen Renaissance“

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Ein neues Menschenbild vermittelt auch Hans Baldung Griens „Der Tod und die Frau“ (um 1518-20). ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Dies ist durchaus ein Epochenbuch. Es behandelt eine Epoche. Und es setzt von Gestaltung und Ausstattung her Maßstäbe. Die Kunsthistorikerinnen Anne-Marie Bonnet und Gabriele Kopp-Schmidt versuchen sich an einer Neubewertung der altdeutschen Malerei. Diesen Begriff finden sie zu negativ, und so kommen sie zu ihrem Titel: „Die Malerei der deutschen Renaissance“. Es geht um die Rehabilitierung der Kunst nördlich der Alpen gegenüber den italienischen Meistern. Lange Zeit, so die Autorinnen, seien deutsche Werke als weniger gelungen und weniger modern eingeschätzt worden.

Wenn man allerdings darauf schaut, welche Künstler hier diskutiert werden, fragt man sich, ob die Gerechtigkeit brauchen. Albrecht Dürer, Lucas Cranach, Albrecht Altdorfer, Hans Baldung Grien, Mathis Grünewald und Hans Holbein sind die Leitfiguren der Epoche zwischen 1495 und 1555, an denen die Autorinnen ihr Thema entwickeln. Die Eckdaten setzen sie zwischen Dürers Italienreise und den Augsburger Religionsfrieden an. Speziell zu Dürer, Cranach und Grünewald wurde schon viel publiziert, die Wertschätzung dieser Meister steht außer Frage.

Vielleicht sind die Autorinnen zu sehr auf den Süden fixiert. Die deutschen Meister standen ja nicht nur im Austausch mit Italien, sondern zum Beispiel ebenso mit den Niederlanden. Es ist ja nicht so, dass zum Beispiel van Eyck nicht vorkäme in diesem Band. Aber der Einfluss des Westens wird schon zu wenig beachtet. Sonst könnten die Autorinnen auch nicht behaupten, Dürer habe „bekanntermaßen die Aktdarstellung nördlich der Alpen“ begründet. Gut 75 Jahre vor ihm zeigten die Brüder van Eyck auf dem Genter Altar Adam und Eva lebensgroß und nackt. Das „Lamm Gottes“ war so berühmt, dass Dürer 1520 auf seiner Reise in die Niederlande dorthin pilgerte. Auch im Holbein-Kapitel stellt sich die Frage nach niederländischen Einflüssen: Ob nicht die Madonna des Kanonikus van der Paele die „Solothurner Madonna“ des Deutschen mindestens so anregte wie italienische Meister? Zumal die Autorinnen zugestehen, dass für Holbein kein Italien-Aufenthalt nachweisbar ist. In Flandern ist man lockerer im Umgang mit alten Bezeichnungen: Van Eyck, Rogier van der Weyden und andere heißen da „Flämische Primitive“. Niemand nimmt daran Anstoß.

Allerdings ist das nur ein Aspekt in diesem Buch, das man rühmen muss. Dass die Autorinnen so enthusiastisch schreiben, macht die Lektüre lebendig und anregend. Im XXL-Format bekommt der Leser die Meisterwerke der genannten sechs Künstler, von Dürer, Cranach und Holbein jeweils rund 25. Die Auswahl ist gelungen (vielleicht fehlt bei Cranach die Tafel von Christus und Maria aus Gotha, in ihrer schlichten Porträthaftigkeit doch Musterbeispiel für Modernität). Die Werkkommentare fassen die neuesten Forschungsergebnisse bündig zusammen, so dass der Leser eine souveräne Epochenschau bekommt.

Zumal die besondere Stärke des Buches darin liegt, wie die Autorinnen die Neuerungen der deutschen Künstler herausarbeiten. Die kurzen Einleitungsessays vermitteln schön das Wechselspiel zwischen der Reformation und der Kunst. Warum die erotisch aufgeladenen Aktdarstellungen zum Beispiel bei Cranach und Baldung so wichtig werden. Oder wie die neuen Themen der Sakralmalerei erarbeitet werden: Heiligendarstellungen sind eben nicht mehr gefragt, also kommen die Künstler zu schwierigen, geradezu didaktischen Formulierungen wie „Gesetz und Gnade“, die dem heutigen Betrachter geradezu als Bilderrätsel erscheinen. Und die Heiligenscheine verschwinden aus der Malerei, wenn auch nicht völlig, weil zum Beispiel Cranach mit seiner Werkstatt auch katholische Kunden belieferte. Und wie provokant ist Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“, in dem er sich in der Haltung Christi darstellt. Das alles liest man mit Gewinn – und erfreut sich an exzellent gedruckten Farbtafeln.

Anne-Marie Bonnet/ Gabriele Kopp-Schmidt: Die Malerei der deutschen Renaissance. Verlag Schirmer-Mosel, München. 407 S., 313 Abb. in Farbe, 128 Euro

Quelle: wa.de

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