Neuer Star aus China: Yin Xiuzhen zeigt Stoffe, Kleidung und Installationen in Düsseldorfs Kunsthalle

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„Collective Subconscious“ (2010, „kollektives Unterbewusstsein“, hinten) und „Unbearable Warmth“ (2008, „unerträgliche Wärme“) von Yin Xiuzhen. ▪

Von Annette Kiehl ▪ DÜSSELDORF–Der Bulli, oder das „Brötchen“, wie Chinesen den kleinen Transportwagen nennen, war in den späten 1990er Jahren in China das Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit. Das Auto ermöglichte spontane Ausflüge mit Familie und Freunden und den unkomplizierten Transport von Einkäufen und Waren. Ein privates Wirtschaftswunder.

Die Künstlerin Yin Xiuzhen hat persönliche Erinnerungen an den „Brötchen-Bus“. Das Gefühl von Aufbruch und gemeinsamen Erleben möchte sie vielen Menschen vermitteln – und dehnte den blauen Kleinbus mithilfe eines aus Second-Hand-Kleidung zusammengenähten Tunnels und mehrerer Räder zu einer Art Raupe aus. Wer in das langgestreckte Auto klettert, geduckt durch den bunten Tunnel läuft und sich auf der Rückbank niederlässt, hört leise den nostalgischen Pop-Song „Bejing, Bejing“. Das Licht fällt sanft durch die zusammen genähten Stoffbahnen. „Collective Subconscious“ (2010), übersetzt also „kollektives Unterbewusstsein“, heißt diese Installation.

Mit Yin Xiuzhen präsentiert die Kunsthalle Düsseldorf gemeinsam mit dem Groninger Museum eine der bedeutendsten Künstlerinnen Chinas erstmals in Europa. Die 1963 in Peking geborene und heute noch dort arbeitende Künstlerin hat mit ihren Skulpturen aus getragener Kleidung eine eigene, kulturübergreifende Sprache entwickelt. Sie verknüpft in den Werken persönliche und politische Themen, fragt nach den seelischen Auswirkungen der Globalisierung und zeigt dabei einen zurückhaltenden Humor. Mit dieser Haltung trifft Yin Xiuzhen weltweit die Gefühle vieler Menschen. Bei einer Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art bildeten sich vor dem Bus lange Schlangen – tausende Besucher wollten sich auf den engen Bänken im Innenraum niederlassen.

Wie das Innere auf das Äußere reagiert, ist die große Frage, der die Künstlerin mit jedem ihrer Werke nachspürt. Ganz plastisch setzt sie dies in ihren Organ-Skulpturen um. In „Thought“ (2009) baute sie mit Hilfe von gebrauchter Kleidung in verschiedenen Blautönen ein überdimensionales begehbares Gehirn nach. Inmitten einer lauten, vom unaufhörlichen Fortschritt bestimmten Welt schafft sie einen Rückzugsort, der das äußere Geschehen abschirmt. Ein Denkmal für die Gedanken und Gefühle.

Als chinesische Vorzeigekünstlerin wird die ausgebildete Malerin Yin Xiuzhen immer wieder beschrieben; so vertrat sie ihr Heimatland bereits bei der Biennale in Venedig. Von Konfrontrationen mit der Politik ist nichts bekannt. Das erstaunt angesichts von Arbeiten, die sich mitunter sehr konkret mit dem wirtschaftlichen Aufstieg und der politischen Entwicklung Chinas auseinandersetzen. Ihr Werkstoff, die Kleidung, verweist auf die massenhafte und teilweise unmenschliche Textilproduktion des Landes und deutet gleichzeitig auf die schützende und mit Erinnerungen behaftete „zweite Haut“.

Die Vieldeutigkeit dieses Materials setzt Yin Xiuzhen geschickt und durchaus kritisch ein. „Unbearable Warmth“ nannte sie 2008 eine Installation, die aus einem scheinbar endlos langen Schal gefertigt ist. Das zu einer großen Spirale aufgerollte Wollstück drückt auf eine so ironische wie eindringliche Weise eben jene „unerträgliche Wärme“ aus, die die chinesische Ein-Kind-Politik zur Folge habe: Familien, die ihre übersteigerte Fürsorge auf ein einzelnes Kind konzentrieren.

Der weiche Stoff, die bunten Farben, die Spuren von Nähten, Knöpfen und jahrelangem Gebrauch – Yin Xiuzhens Skulpturen wirken bei allen ernsten Anliegen stets lebendig und verspielt. Die Installation „Portable Cities“ (2000–2012) lädt zum Rätseln ein: Welche Städte hat die weltreisende Künstlerin in den Koffern nachgebaut? Der Düsseldorfer Koffer zeigt den Fernsehturm aus einem verwaschenen Stoff mit Knöpfen, daneben schlängelt sich der Rhein, zusammengefügt aus einem blau gestreiften Poloshirt.

Die Schau

Eine emotionale wie haptische Schau, die das Unterbewusstsein anspricht.

Yin Xiuzhen in der Kunsthalle Düsseldorf. Bis 10. März 2013. Di - So, 11 - 18 Uhr. Katalog 40 Euro (Museum), 49,99 Euro (Buchhandel), Tel. 0211/ 8996243, http://www.kunsthalle-

duesseldorf.de

Quelle: wa.de

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