Der neue „Tatort“ kommt aus Dortmund – Team wird vorgestellt

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Ermittlungstermin auf der Kokerei Hansa in Dortmund: Aylin Tezel (von links), Stefan Konarske, Jörg Hartmann und Anna Schudt sind das neue „Tatort“-Team, das im Herbst seinen ersten Fall in der ARD lösen wird. ▪

Von Achim Lettmann ▪ DORTMUND–„Gebt mir ein U...!“, schreit Jörg Hartmann vor dem Dortmunder Hauptbahnhof. Der Schauspieler ist in Rage. Die neue Aufgabe törnt ihn an.

„Mir kommt hier eine Herzlichkeit entgegen“, sagt er begeistert und spricht von Begegnungen in der Stadt. Gleich gegenüber ist das Dortmunder U zu sehen. Ein Gebäudeklotz, der früher Unionsbrauerei war und heute als Industriedenkmal Kunst- und Freizeitwerte bietet. Jörg Hartmann (42) wird Hauptkommissar Peter Faber im neuen „Tatort“, den der WDR gestern in Dortmund vorgestellt hat. Neben den Einsatzorten Köln und Münster produziert der größte ARD-Sender nun wieder einen Ruhrgebiets-„Tatort“. Bis 1991 ermittelte Schimanski (Götz George) in Duisburg, bis 1980 Haferkamp (Hans Jörg Felmy) in Essen.

Dortmund war die logische Folge, weil die Stadt mittlerweile die größte im Revier ist. WDR-Chefin Monika Piel ist es wichtig, dass endlich auch in NRW Kommissarinnen auf Tätersuche gehen. Aylin Tezel (28) spielt eine Polizeioberkommissarin und Anna Schudt (37) die Hauptkommissarin Martina Bönisch, die die Leitung der Abteilung allerdings ausgeschlagen hat. „Der Grund dafür ist noch ein Geheimnis“, sagt Anna Schudt zu ihrer Rolle. Sie hat bereits in zahlreichen TV-Filmen und „Tatorten“ („Familienbande“ aus Köln) mitgespielt. Aylin Tezel, in Bielefeld aufgewachsen, ist die Ehrgeizige im Team. Als Nora Dalay, die im sozialen Brennpunkt Nordstadt lebt, kämpft sie für Gerechtigkeit. An ihrer Seite erscheint Polizeioberkommissar Daniel Kossik, den Stefan Konarske verkörpert. Irgendwann funkt es bei den beiden – ein bisschen Liebe also, aber ansonsten wird das Privatleben der Ermittler kein Nebenschauplatz.

Konarske ist als letzter Darsteller zum Team gestoßen. Der 31-Jährige kommt aus Stade. Er spielte in Filmen von Detlev Buck wie „Same, Same, But Different“ und „Knallhart“. Für seine Titelrolle im Theaterstück „Die Leiden des jungen Werther“ war er 2009 für den Grimme-Preis nominiert. In Dortmund zeigt er einen Typen mit Dauerkarte bei Borussia, mit Laube in der Kolonie und familiärer Bindung zum Bergbau. „Das sind keine Klischees“, sagt Konarske, „das ist hier Lebenswirklichkeit.“ Er findet bei der Polizei eine Zukunft, die sein Bruder auf der Zeche nicht mehr hat.

Dies ist der Stoff, aus dem die menschelnden Geschichten sind. Drehbuchautor Jürgen Werner überträgt den Aufbruch in der ehemaligen Kohle- und Stahlregion auf das Personal seiner ersten beiden Krimis. „Die Figuren müssen den Strukturwandel vollziehen“, sagt Werner, der neben anderen Drehbuchautoren vom WDR gefragt wurde, ob er ein neues „Tatort“-Format entwickeln kann. Werner konnte, auch weil er bereits TV-Filme („Schimanski“), „Tatorte“ und fürs ZDF über 100 Folgen „Forsthaus Falkenau“ geschrieben hat. Seine halbe Familie komme aus dem Ruhrgebiet, sagt Werner, da gab es Anregung genug. „Eine Leiche mit Grubenlampe in der Hand wird es aber nicht geben“, beugt Werner gewissen Klischees vor. Dortmund ist das Fundament seiner Geschichten. Dann hat er die Figuren entworfen. Und zum ersten „Tatort“ aus Dortmund verrät er nur, dass es um Eifersucht geht, die Leiche in einer Wohnung liegt und eine Halde zu sehen sein wird. Ab nächsten Montag wird gedreht. Aber nicht nur in Dortmund. Denn alle Innenaufnahmen aus dem Kommissariat und der Pathologie finden in Kölner Studios statt. ARD-Koordinator Gebhard Henke sagt: „Wir müssen sparen.“ Immerhin hat der Dortmund-„Tatort“ einen Drehtag mehr als die „Tatort“-Produktionen in Berlin und Leipzig: 22.

Damit das neue Ermittlerteam harmoniert, werden die ersten beiden Folgen hintereinander gedreht. „Wir müssen den Look, den Style und eine Arbeitsgemeinschaft finden“, sagt Produzentin Sonja Goslicki von der Colonia Media. „Noch machen zwei Dortmunder ‚Tatorte‘ soviel Arbeit wie drei Kölner“, weiß WDR-Redakteur Frank Tönsmann, der beide Formate betreut. Vor allem steht in Dortmund das Team im Mittelpunkt. „Wir orientieren uns am Polizei-Alltag“, sagt Tönsmann. Zwar arbeiten bis zu 20 Ermittler an einem komplizierten Mordfall, aber vier seien immerhin mehr als zwei, so Tönsmann. Details werden abgestimmt. Darf es beispielsweise eine Dienstwaffe in der Schreibtischschublade geben? Denn eine Pistole gehört bei der Polizei in den Waffenschrank.

Jedes Teammitglied geht auf Tätersuche. Regisseur Thomas Jauch filmt Handlungen, die nachher parallel montiert werden, um den Verdächtigen zu jagen.

Faber und Co. halten bereits zusammen. In Dortmund bitten sie um Karten für die Fußball-Bundesliga. Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) hat sich den Wunsch schon notiert: „Ich glaube, jeder ‚Tatort‘ tut einer Stadt gut.“

Der Krimi-Regisseur

Thomas Jauch (53) dreht den Tatort aus Dortmund. Der WDR-Wunschkandidat ist ein ganz versierter Krimi-Spezialist. Allein den „Tatort“ drehte er 15 Mal. „Aus der Schublade komme ich nicht mehr raus“, sagt er in Dortmund. Und fügt hinzu: „Komme ich aber gut mit klar.“ Als er den ersten „Tatort“ mit Maria Furtwängler (Hannover) gedreht hatte, riefen am Montag danach sieben TV-Redakteure aus sieben Bundesländern an, ob er nicht auch für ihre Sendeanstalt arbeiten könne. Furtwänglers Quote lag bei über zehn Millionen Zuschauer,.

Für Dortmund nimmt er sich den Gegensatz alt und neu vor. Das Armutsstigma des Ruhrgebiets kennt er auch. „Ich habe noch nie so kaputte Häuser gesehen“, sagt Jauch. Aber er will gute Beispiele zeigen, wie Kommissarin Dayal, die ihre türkischen Wurzeln nicht verleugnet, und anpackt. Denn Migration ist überall, weiß Thomas Jauch. „Es muss nicht mehr so poltern wie bei Schimanski“, sagt der Regisseur zum Revier-„Tatort“, „man muss nicht mehr provozieren.“

Quelle: wa.de

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