„Neue Alchemie“: Münster zeigt junge Kunst nach Beuys

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Zerknülltes Metall, mächtige Glasbrocken: Blick in Myriam Holmes Installation „schwingendeserinnern“ im Landesmuseum.

Von Ralf Stiftel ▪ MÜNSTER–Eiszeit. Zwischen blauen Glasgletschern und zerknüllten Blechen wandelt man über korridierte Metallplatten. Den Raum erfüllt die Energie von Assoziationen, die Dinge beginnen zu sprechen. Zwei Bleche sind an die Wand montiert und wirken bildhaft durch die Lackierung, die wie eingeätzte Säure über die Fläche läuft. Weil sie aber unten vorgeknickt sind, sieht es aus, als seien sie lebendig und wollten von der Wand zu ihren Gefährten auf das Spielfeld. Hier ist etwas geschehen, sagt die Installation von Myriam Holme, und wenn wir erst wieder durch die Tür sind, geht es weiter.

Wie genau passt der Titel „schwingendeserinnern“ auf die Arbeit, die die Künstlerin für das Westfälische Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Münster geschaffen hat. Sie gehört zur Ausstellung „Neue Alchemie. Kunst der Gegenwart nach Beuys“, die gleichsam einen Kommentar zur großen Retrospektive des Meisters in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf abgibt. Die Kuratorin Melanie Bono versucht, mit der Schau einen Trend der letzten fünf Jahre greifbar zu machen. Sie sieht bei den elf Künstlern ihrer Ausstellung keine definierte Schule, nicht einmal einen bewussten Bezug zu Beuys. Einige der Künstler waren sogar überrascht, als sie angesprochen wurden. Aber nach Jahrzehnten, in denen Künstler immer konzeptueller, immer abstrakter, immer immaterieller arbeiteten, scheint es nun eine Rückbesinnung zu geben, erläutert Bono.

Die meisten Künstler der Schau sind zwischen 1970 und 1980 geboren, und die Szene beginnt, sie zur Kenntnis zu nehmen. Werke von Katinka Bock waren im Tate Modern in London und im Centre Pompidou in Paris zu sehen. In Münster zeigt sie zum Beispiel einen Balanceakt von Zitronen auf der einen, Stoffstreifen auf der anderen Seite einer Stahlstange, wobei das Gleichgewicht dadurch gefährdet ist, dass die Früchte trocknen und damit leichter werden. Nina Canell bekommt 2011 eine Einzelschau im Museum of Modern Art in New York. In Münster zeigt sie ein Ensemble aus Plastikwannen mit Wasser, das unter Trommelfellen zu brodeln und dampfen beginnt, während Tonabnehmer Brumm- und Quietschtöne erzeugen. Karla Black vertritt Schottland bei der nächsten Biennale in Venedig. Ihre Arbeit „It's Proof That Counts“ besteht aus einen mannshohen, fünf Meter langen dünnen, bemalten Papierbogen, der an Fäden im Raum hängt. Ein starkes Zeichen mit verletzlichstem Material.

Die Werke in der Münsteraner Schau haben Züge gemein, die unmittelbar zu Beuys führen. Zum Beispiel die zentrale Rolle, die das Material spielt. So wie Beuys Filz und Kupfer stapelte oder Basaltbrocken in den Raum streute, so arrangiert Myriam Holme Aluminium, Stahl und Glas. Auch die Geste ist verblüffend ähnlich: Einerseits verzichtet die Künstlerin auf das Pathos traditioneller Skulpturen. Andererseits fügen sich die Einzelobjekte zu Schwüngen im Raum, was ihnen eine geradezu erzählerische Spannung verleiht.

Auch Michael Stumpf bringt Stoff zur Sprache. In „This Song Belongs to Those Who Sing it“ formt er aus gefilzter Wolle drei Felsbrocken, die er überaus labil auf einer Astgabel stapelt. Sein „Song“ wirkt wie das Material für ein unbekanntes Zauberritual: An einem Stab hängen verschiedene Dinge, darunter eine Glocke und ein Wildschweinohr. Man meint davor, mit den Augen zu hören.

Beuys trat oft im Gestus des Schamanen auf. Das tut auch der Amerikaner Matthew Ronay, wenn er seine bezwingende Installation „Mounting Toward Zenith – Descending and Disappearing“, wie er es nennt, „aktiviert“. Er gestaltete einen Raum wie aus einem ethnologischen Museum: Unter einem Baldachin aus gebatiktem Tuch steht ein Altar, auf dem seltsam phallische Objekte und Hände mit Augen in den Handflächen arrangiert sind. Davor gibt es eine Art überdachtes Lager aus Holz und Bambus. Vom Lager ragt ein Drahtbesen zum Altar. Der Künstler schlüpft für seine Aktion in den Anzug, legt sich auf die Liege und bewegt den Besen, so dass er laut über die Altarfront kratzt.

Wie schalkhaft tritt dagegen Björn Braun auf, der einem Stuhl die Lehne absägt, aus dem Holz Späne macht, aus denen er ein Blatt Papier schöpft, und am Ende vereint er die Teile zu einem Gegenüber, bei dem der verstümmelte Stuhl zum melancholischen Betrachter eines leeren Bildes wird. Hintersinnig auch der dänische Maler Sergej Jensen, der bei einer Arbeit im Wortsinn Öl auf Leinwand zeigt, nämlich die in den Stoff auslaufenden Fettspuren, und der in einem anderen Werk nicht Farbe aufträgt, sondern mit Chlor aus dem grob braunen Jutestoff wegnimmt, was gleichwohl zu einer sichtbaren Bildwirkung führt.

Ob sich aus dieser Generation ein neuer Stil bildet, das wagt Melanie Bono nicht vorherzusagen. Die Kunst der „neuen Alchemie“ aber funktioniert im voraussetzungslosen Anschauen und beweist schlüssig, dass das Vokabular von Beuys längst noch nicht auserzählt ist.

Neue Alchemie im Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster. Eröffnung sa, 19 Uhr, mit Performance von Matthew Ronay.

Bis 16.1.2011. di – so 10 – 18, do bis 21 Uhr,

Tel. 0251/ 59 07 02, www. landesmuseum-muenster.de ,

Katalog, Wienand Verlag, Köln, 24 Euro

Quelle: wa.de

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