Netzgemeinde streitet auf der re:publica in Berlin

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User im Netz und auf der re:publica in Berlin. ▪

Von Dirk Frank ▪ BERLIN–Über 50 Millionen Deutsche nutzen das Internet, meldete letzte Tage der Branchenverband Bitkom. Soziale Netzwerke wie Facebook wachsen unaufhörlich und selbst der Regierungssprecher verbreitet Meldungen mittlerweile über Twitter.

Doch welche Auswirkungen haben diese virtuellen Kommunikationsräume für Kunst, Kultur und Politik? Ersetzen sie letztendlich die Wirklichkeit und gefährden damit den Zusammenhalt der Gesellschaft? Auf dem Online-Kongress der re:publica im FriedrichstadtPalast, Berlin sagte Miriam Feuls, die sich in ihrer Diplomarbeit mit Twitter beschäftigt hat: „Kein Ersatz, eher eine Erweiterung von Öffentlichkeit.“ Privat und öffentlich blieben getrennte Sphären, doch die Grenzen würden fließend. „Der Einzelne kann über Twitter, sofern er eine interessierte Öffentlichkeit findet, durchaus Privates in die Breite tragen“, erläuterte Feuls. Dies habe für gesellschaftliche Teilhabe eine neue Qualität. Ein Thema der re:publica war auch die Bedeutung von Twitter für politische Veränderungsprozesse. „Dass das Internet Regierungen stürzen kann, ist größtenteils ein Mythos!“, schränkte der iranisch-amerikanische Journalist Cyrus Farivar auch mit Blick auf die Ereignisse in Nordafrika ein. Die bloße Technik reiche nicht aus, um eine Gesellschaft zu transformieren.

Diskutiert wurde in Berlin auch über den Einfluss, den die Betreiber von Portalen wie Youtube oder Facebook auf die Netzwelt ausüben. Die virtuelle Öffentlichkeit unterliege privatwirtschaftlichen Interessen und bedürfe daher einer kritischen Betrachtung seitens der Nutzer. Jillian C. York von der Harvard University bemängelte, dass die Unternehmen nicht ausreichend über Meinungsfreiheit reflektieren würden. „Wenn jemand ein Bild hochlädt, auf dem Drogen konsumierende Kinder gezeigt werden, wird dieses in der Regel vom Betreiber entfernt. Doch man schützt damit nicht Minderjährige, sondern verhindert möglicherweise die notwendige Beschäftigung mit gesellschaftlichen Missständen.“

Großen Zuspruch erntete der Medienjurist Till Kreutzer für die Forderung, das Urheberrecht komplett zu überdenken. Kreutzer versuchte in seinem Vortrag aufzuzeigen, dass die digitale Kultur eine nie gekannte Virtuosität im Umgang mit Texten, Bildern und Tönen ermögliche. Doch die künstlerische Freiheit werde von der Rechtslage beschnitten. Das Urheberrecht stelle die fröhlich mit Material spielenden Kreativen unter Generalverdacht. „Wenn ein junger Mediennutzer ein Bild nicht verwenden darf, obwohl es im Netz doch zur Verfügung steht, dann hat das Urheberrecht ein massives Akzeptanzproblem.“

Gestritten wurde auch darüber, ob die Netzgemeinde der re:publica noch die Deutungshoheit in Fragen des Internets besitze. Sascha Lobo, Deutschlands bekanntester Blogger und mit seiner roten Irokesenfrisur zugleich ihr Aushängeschild, schrieb der Netzgemeinde genüsslich ins Stammbuch, sie sei überhaupt nicht daran interessiert, die Öffentlichkeit zu erreichen. Stattdessen verstecke man sich mit seinen Ansichten in Weblogs, die aber nur von Freunden und Gesinnungsgenossen gelesen würden. Lobo forderte die Blogger auf, sich stärker zu Wort zu melden. Die Diskussionen um Datenschutz, Urheberrecht oder Medienkompetenz prägten andernfalls Leute, die davon nichts verstünden.

Quelle: wa.de

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