Neil Young spielt in Mönchengladbach

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Neil Young spielte in Mönchengladbach und verteilte T-Shirts.

Von Michael Girkens -  MÖNCHENGLADBACH Der magische Moment beginnt um 21.22 Uhr. Neil Percival Young setzt zu dem langen Intro an, das zu „Cortez The Killer“ führt, und packt diese Minuten alles, was ihn ausmacht: Großartige Gitarrensoli mit seinem langjährigen Crazy-Horse-Partner Frank „Poncho“ Sampedro, eine Botschaft, die auch politisch zu verstehen ist, und die Sehnsucht nach diesem intensiven Gefühl, das Trauer, Wut und Glück vereint, aber nicht versöhnt.

Vielleicht lag es aus diesem Querschnitt an Werken aus mehr als 40 Jahren, dass dieser Moment nur ein Mal Raum griff an diesem Abend im Hockeypark Mönchengladbach. Den Start rockte Young mit „Love And Only Love“, nicht fehlen durfte die Pflichtversion von „Heart Of Gold“, und Neukompositionen wie „Psychedelic Pill“ gab er den 7000 Ohrenpaaren ebenfalls mit auf den Weg. Was für ein Spagat.

Und der wurde noch breiter mit dem politischen Anliegen des 69 Jahre alten Musikers. Klimaneutrale T-Shirts ließ er verschenken mit dem Aufdruck „Earth“, und die Botschaft lautete: Rettet die Erde! Der verschrobene Kanadier hat schon US-Straßenkreuzer auf Öko umbauen lassen, kümmert sich um digital abspielbare Musik mit hoher Qualität und kämpfte praktisch allein in den USA gegen den Irak-Krieg. Sein Vermächtnis an seine Fans: Es ist jetzt eure Aufgabe, die Welt zu retten. Musikalisch machte er das in der Zugabe klar: „Who’s Gonna Stand Up And Save The Earth“.

„Cortez The Killer“ hat das Politische scheinbar auch. Young beschreibt die Eroberung Mexikos durch Hernando Cortez zu Beginn des 16. Jahrhunderts, er gibt der Schilderung des Indianischen breiten Raum. Und er idealisiert dieses untergegangene Leben – und dadurch schafft er eine Sehnsucht nach einem Leben, das es nie gegeben hat. Idylle geht anders.

Musikalisch zeigt sich das in einem schlichten Thema in Moll zu einem Beat im Tempo eines Trauermarsches. Tänzelnd mordet Cortez. Das lässt Raum, Raum für Soli auf der Gitarre, die die Trauer in Glück verwandeln: das Glück, eine solche aussichtslose Sehnsucht überhaupt zu spüren. In seiner Bereitschaft, dieses Thema aus dem Jahr 1975 immer und immer wieder neu zu improvisieren, überschreitet Neil Young mit einem Zeh die Grenze zum Jazz.

Diese aus Gitarrensaiten und einer fisteligen Stimme gefertigten gemischten Gefühle zogen die Menschen im Hockeypark in ihren Bann, atemloses Mitgehen mit den Tönen im Moll zeigte die gespannte Aufmerksamkeit. Young, der sich seit Jahrzehnten stets neu erfindet, hat eine Konstante in seinem Schaffen und damit seiner Persönlichkeit: Die Versöhnung des Widerspruchs zwischen Wut und Idylle.

Und Trauer. Die bringt er wie stets am Ende von Cortez ein, wenn er das indianische Thema verlässt und die Perspektive wechselnd von seiner verlorenen großen Liebe singt und spielt. Dann schlägt es 21.33 Uhr, Cortez und der magische Moment sind vorbei.

Quelle: wa.de

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