Neal Stephensons Roman „Anathem“

+
Neal Stephenson

Von Ralf Stiftel ▪ Es ist eine seltsame Welt, in der sich Fraa Erasmas bewegt, dieser Konzent Saunt Edhar. Abgeschieden von der Welt leben dort die Brüder und Schwestern eines Ordens, der sich ganz den Wissenschaften verschrieben hat. Allerdings kennen sie keine Spulocorder und besitzen keine Weitfunken-Resonatoren. Sie leben unter der Kartasischen Regel und haben nur Kreide, Tinte und Stein. Schreibpapier wächst an genmanipulierten Bäumen.

Neal Stephensons Roman „Anathem“ verlangt dem Leser einiges ab. Nicht nur, weil er mehr als 1000 Seiten lang ist. Auch, weil der US-Schriftsteller für die ferne Welt „Arbre“, auf der all dies spielt, eine Sprache erfunden hat. Die Wörter sind nicht willkürlich, sondern lassen vertraute Begriffe anklingen. Die Orden, um die es geht, heißen Mathe, und da schwingt natürlich die Mathematik mit. Die Bauten heißen Klostrum und Mynster, die Brüder sprechen sich Fraa an, die Schwestern Suur. Im Jahr 3689, mehr als 800 Jahre nach der zweiten Verheerung, beginnt die Geschichte.

Der amerikanische Schriftsteller, 1959 geboren, gilt als einer der Hauptvertreter des Cyberpunk, finsterer Negativ-Utopien. Er hat zum Beispiel den mittlerweile gängigen Begriff „Avatar“ erstmals verwendet, in seinem Roman „Snow Crash“ (1991). Mittlerweile hat er sein Spektrum erweitert, in den letzten Jahren erschien die Barock-Trilogie, ein mehr als 3000 Seiten umfassender historischer Roman um die Natur-Philosophen Newton und Leibnitz. Mit „Anathem“ kehrt er zur Science Fiction zurück, aber auf eine überaus ungewöhnliche Weise, und auch hier geht es um das freie Denken.

„Arbre“ gleicht in vielen Zügen der Erde, ist aber eine andere Welt. Allerdings weist die arbrische Geschichte manche Parallele auf, zum Beispiel große Katastrophen und Kriege, globale „Verheerungen“ eben. In der Folge entzog die „säkulare Macht“ den Wissenschaftlern die materiellen Mittel und zwang ihnen die Regeln der Mathe auf. Die Konzente sind Kloster und Gefängnis zugleich. Die dort lebenden Avot kommen mit der Außenwelt nur in Zyklen in Kontakt, das heißt dann Apert. Die Jahres-Avot haben das einmal im Jahr, die Zehner alle zehn Jahre, es gibt auch Hunderter und Tausender. Die Technik ist den Avot verboten, nur ihr privater Besitz, die Kleidung aus Kulle und Kord sowie das Universalgerät Sphär bestehen aus „Neustoff“ mit erstaunlichen Eigenschaften.

Stephenson schildert in langsamem Erzähltempo das Leben im Konzent und eine Apert. Das könnte Umberto Ecos „Der Name der Rose“ in einer Science-Fiction-Variante sein, nacherzählt von Jules Verne und Thomas Pynchon. Die Außenwelt ist ein witziges Zerrbild der heutigen USA. Die Burgher laufen mit Nicknacks herum, auf denen sie sich Informationen aus dem Retikulum herunterladen oder Musik hören, wenn sie nicht telefonieren. Schrift lesen können sie nicht, für sie gibt es einen einfachen Bildercode, die Kinagramme. Sie ernähren sich in Fastfood-Restaurants und sind übergewichtig – außerdem aber abgestumpft, weil der extramurischen Nahrung der Stoff „Allesgut“ beigemischt ist, eine Droge, deren Name Programm ist. Und das Mediengeschwätz von Werbung und Politikern heißt bei den Avot deftig „Scheißdrökh“.

Stephenson lässt sich richtig Zeit, und doch ist schon seine Exposition keinen Moment langweilig. Allmählich wird die Ordnung gestört. Ein riesiges Raumschiff nähert sich Arbre, und alle Zeichen deuten auf Konfrontation. Und nun kommt Action: Eine Expedition auf Motorschlitten durch das Polareis, ein Kampfeinsatz mit Klingenthalern, was das arbrische Äquivalent für Shaolin-Kungfu-Kämpfer ist, ein vernichtender Vulkanausbruch, eine Weltraummission in Miniraketen. Das Team um den jungen Erasmas muss nicht weniger als die Welt retten.

All das aber bindet Stephenson auf souveräne Weise ein in einen philosophischen Kosmos, und ein Debattierduell von Erasmas mit einem arroganten Fraa hat ähnlichen Spannungswert wie die Action-Szenen. Stephenson hat die abendländische Philosophiegeschichte auf eine Weise verschlüsselt in die mathische Welt eingebracht, die durchaus den essayistischen Einschüben in Ecos Romanen vergleichbar ist. Ob er nun Ockhams Rasiermesser, jenes mittelalterliche Sparsamkeitsgesetz für wissenschaftliche Theorien, als „Gardans Waage“ auftauchen lässt, oder ob er Philosophen von Plato bis Wittgenstein als Saunts, also als Schutzheilige der Mathe, einführt, Stephenson liefert reichlich Stoff für Entschlüsselungen. Im angelsächsischen Raum ist der Roman ein Kultbuch, es gibt ein eigenes Internet-Wiki dazu.

Und eins hat dieser geniale Schmöker sogar Umberto Eco voraus: Man kann ihn nicht verfilmen. Dieses Abenteuer ist exklusiv für den Kopf.

Neal Stephenson: Anathem. Deutsch von Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl. Manhattan Verlag, München. 1024 S., 29,95 Euro

http://www.nealstephenson.com

http://anathem.wikia.com/wiki/Anathem_Wiki

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare