Das Mu.Zee in Ostende entdeckt E.L.T. Mesens, einen Pionier des Surrealismus

Lust an der Provokation: E.L.T. Mesens schuf die Collage „Maske, um die Ästheten zu verletzen“ im Jahr 1929, zu sehen ist sie in der Schau in Ostende. - Fotos: Museum

Von Ralf Stiftel Ostende - Erst zündet sich der Mann am Schreibtisch mit dem Zettel die Zigarette an. Dann legt er das brennende Papier auf seine Arbeitsfläche, tupft die Flammen aus. Er pinselt zügig ein Stück Zeitung ein, drückt es auf sein Bild. Dann nimmt er rundes, geglättetes Pralinenpapier, dazu eine Aluhülle, klebt beides übereinander hinein. Am Ende greift er zu Salzstreuer und Pfeffermühle. Nein, fade soll die Collage-Kunst von E.L.T. Mesens nicht sein.

Der kurze britische Film von 1958 läuft in Endlosschleife im Museum Mu.Zee in Ostende, als Teil der Ausstellung „Das Sternenalphabet des E. L. T. Mesens“. Da war der Surrealismus schon historisch. Aber der Brüsseler Edouard Léon Théodore Mesens (1907–1971) gehörte immer noch zu seinen wichtigsten Vorkämpfern. Lange Zeit war das vergessen. Selbst Phillip Van den Bossche, Direktor des Mu.Zee und einer der Kuratoren der Schau, kannte den Mann nicht, den er auf dem Foto von 1923 mit Theo und Nelly van Doesburg im Atelier posieren sah. Damit begannen die Fragen. Ein aufregendes Kapitel Kunstgeschichte wurde aufgeblättert.

Mesens war ein unvergleichlicher Vorantreiber, ein bisschen Betriebsnudel, ein bisschen Groupie, zugleich selbst ein Kreativer, der mit den Genies auf Augenhöhe sprach. Er organisierte 1934 in Brüssel die erste Ausstellung der Surrealisten. Er überredete seinen Freund Picasso 1938, das frische Monumentalgemälde „Guernica“ nach London zu bringen. Seinen Rang kennzeichnet ein Zitat des Surrealisten-Papstes André Breton, das der Schau den Titel gab: „Was ist der Surrealismus? Es ist, im Sternenalphabet von E.L.T. Mesens lesen zu lernen.“

Schon als junger Mann kam Mesens mit Kulturgrößen in Berührung. Er begann als Musiker. Im Alter von 15 Jahren publizierte er seine erste Komposition. Mit 17 lernte er Künstler wie René Magritte, Karel Maes und andere kennen. Und er traf sein bewundertes Vorbild, Erik Satie, der ihn unter seine Fittiche nahm und in Paris mit Man Ray, Marcel Duchamp und Tristan Tzara bekannt machte. Die Musik gab er 1925 auf. Nun schrieb er für Zeitschriften, schuf Fotos und Collagen, wurde zum Ausstellungsmacher. Er bewegte sich souverän in dem Milieu der Surrealisten, vor allem, weil er mit praktisch jedem von ihnen befreundet war. In den 1930er Jahren war er ein europaweit gefragter Kunstexperte, folgerichtig, dass er den belgischen Part der ersten Surrealisten-Ausstellung 1936 in Großbritannien gestaltete. Zu dem Zeitpunkt war er in Brüssel schon als eine Art Generalagent der Bewegung für Belgien etabliert, hatte Ausstellungen in Galerien und im Palast der Schönen Künste kuratiert. Er übersiedelt nach England – bis nach dem Krieg. Er veranstaltet nicht nur Ausstellungen mit Werken von Picasso, Magritte, Miró, Max Ernst, Delvaux. Er sammelt auch.

Die Schau in Ostende bildet die Aktivitäten von Mesens mit rund 350 Exponaten ab. So sieht man Werke der führenden europäischen Künstler jener Zeit. Von Picasso zwar nur eine kleinere Papierarbeit, von Delvaux und Modigliani jeweils ein Gemälde. Aber schon eine Reihe Gemälde von Magritte, von denen einige aus Privatbesitz noch nicht ausgestellt wurden. Ein abstrakt-kubistisches Bild von 1920 bietet einen überraschenden Blick auf die Anfänge des Surrealisten. Ein Porträt des belgischen Expressionisten Frits van den Berghe von 1923 zeigt den Mäzen Paul-Gustave van Hecke und seine Frau Norine, mit denen Mesens befreundet war (mit Norine hatte er jahrelang eine Affäre). Hinzu kommen Werke zum Beispiel von Kurt Schwitters, Man Ray, Paul Klee, Max Ernst. Überraschend sind die Nachinszenierungen der Londoner Ausstellung. Künstler wie Roland Penrose, John Banting, Joseph Bard, Edith Rimmington sind bislang allenfalls Spezialisten bekannt. In Ostende sieht man ihre Gemälde, wobei es den Machern gelungen ist, einige Bilder aufzutreiben, die schon in der Schau von 1936 hingen.

Und dann ist da natürlich noch Mesens selbst, dessen Werk opulent präsentiert wird. Er schuf kaum Gemälde und Skulpturen, und seine Collagen hielt er überwiegend im kleinen Format. Aber im Dialog mit den berühmteren Kollegen behauptet er sich nicht schlecht. Schon seine frühen Fotos für Dada-Zeitschriften wie MaRiE haben Kraft. So lichtet er eine Faust mit einem Schlagring ab. Einmal zeigt der Griff nach außen: Wie sie es verstehen. Dann die Stacheln: Wie wir es verstehen. Vor allem freilich ist das Spätwerk vertreten, das Mesens ab 1954 schuf. Nicht jede Arbeit überzeugt gleichermaßen. Doch in seinen besten Stücken verblüfft er, zeigt manchmal visionäre Kraft. So spielt er mit Buchstaben und Worten. Die Collage „Théâtre de la faim“ (1971) zeigt eine Zielscheibe mit Einschusslöchern. „Manhattan“ (1960), eine Skyline aus Zeitungsschnipseln, bei der die Wolkenkratzer Melonen tragen und das „hat“ im Bildtitel hervorgehoben ist, deutet auf die Pop-Art voraus. Das verspielte „The World Of PlenTy“ (1963) ist nur aus Ts komponiert.

So entsteht aus Dokumenten, Kunstwerken, Fotos eine blühende, vitale Kunstwelt von gestern, die allemal der Erinnerung wert ist. Der Mann hatte Humor, das beweist ein Bildtitel wie „Tisch-Mann, der nicht weiß, auf welchem Fuß er tanzen soll“.

Das Sternenalphabet des E.L.T. Mesens im Mu.Zee in Ostende. Bis 17.11., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0032/ 59 50 81 18, www.muzee.be,

Katalog (engl., nl., frz.) 65 Euro

Allg. Info: Tourismus Flandern, Köln, 0221 / 270 97 70

www.flandern.com

Quelle: wa.de

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