Musical „Titanic“ überzeugt als Neuproduktion in Köln

Wer ist schuld, am Unglück der Titanic? Konstrukteur Andrews (Greg Castiglioni, links) greift Direktor Ismay (Simon Green) von der White-Star-Line-Reederei an. Kapitän Smith (Philip Rham) ist entsetzt. Funker Bride (Ronan Burns) setzt SOS-Rufe ab. Szene aus dem Musical „Titanic“, zu sehen in der Kölner Philharmonie. Foto: Rylander

Köln – Ein bisschen Eis könnte heute jeder vertragen – bei der Hitze. Aber am 12. April 1912 gab es zuviel Eisberg, zuviel Tempo und zuviel Leichtsinn. Der Passagierdampfer Titanic kollidierte und riss sich die Steuerboardseite im Atlantik auf. Das 300 Meter lange Schiff ging auf dem Weg nach New York unter, 1517 Menschen starben, 711 wurden gerettet. Diese Katastrophe ist zum Symbol für Größenwahn und Fortschrittshysterie geworden.

Die Produktion „Titanic – Das Musical“ eifert nicht dem Kinoerfolg von James Cameron (1997) nach, der aus dem Herzschmerz einer jungen vergeblichen Liebe mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio einen Kassenknüller drehte. In der Kölner Philharmonie ist eine Neuproduktion auf Englisch mit deutschen Übertiteln aufgetaucht, die auf fünf Tony-Awards basiert. Bereits 1997 heimsten Maury Yeston (Musik) und Peter Stone (Text) in den USA die angesehenen Preise ein. Ihr Erfolgskonzept: Geschichten von Menschen an Deck und die Würdigung der Opfer auf einer präzisen Faktenbasis.

Regisseur Thom Southerland vom Charing Cross Theatre in London setzt diese Strategie für unsere Zeit um. Dabei geht es nicht um Aktualität, sondern um das Zeitlose des „Titanic“-Dramas. So geht Southerland mit viel Gefühl für die Menschen an Bord, er ist warmherzig, wenn das betagte Ehepaar Strauss auf ihre Überfahrt anstoßen, er ist genau, wenn die Passagiere von ihren Wünschen erzählen, und er stellt die Schuldfrage, als Konstrukteur, Reeder und Kapitän laut und verzweifelt streiten und schreien. Letztlich fuhr das Schiff zu weit nördlich, um schneller zu sein. Es sollte in sechs Tagen den Atlantik überqueren, forderte Reeder Ismay, den Simon Green mit all seinem Nachdruck als hartbesaiteten Geschäftsmann vorführt.

„Titanic – Das Musical“ gerät anekdotisch, wenn die gesellschaftlichen Gegensätze auf dem Luxusliner in den Figuren aufscheinen. Wenn Alice aus der 2. Klasse beim Tanz immerwieder die Nähe zu den Millionären sucht. Wendy Ferguson überzeichnet sie, zeigt die Frau eines Eisenwarenhändlers kess, selbstgerecht und fordernd. Sie wird aber auch mit ihren Absichten ernst genommen, mehr von der Welt sehen zu wollen. Die Zeiten änderten sich. Kate (Lucie-Mae Sumner) sucht sogar einen Mann und stellt den Heiratsantrag gleich selbst. Das ist nett umbesetzt und amüsiert.

Vor allem die Gruppenszenen sind sorgsam choreografiert von Cressida Carré. Die Offiziere stimmen sich auf dem Schiff ab, drei Frauen der unteren Klasse strahlen zuversichtlich um die Wette, und die Maschinisten kommen energievoll zusammen. Jeder hat seine Aufgabe. Allzu romantisch wird diese Ordnung aber nicht verklärt. Heizer Barrett (Niall Sheehy) weiß schon, dass harte Arbeit wartet, bevor er seine Liebste heiraten will. Von der Tanzszene der Heizer hätte es mehr geben können.

Wenn die Titanic in Southhampton ablegt, und das „Schiff aller Träume“ 36 000 Orangen, 42 000 Eier und 20 000 Kristallgläser aufnimmt, scheint das Gute aus alten Zeiten nochmal auf, auch wenn nicht jeder davon profitierte. Alle singen vor der Jungfernfahrt („Gott segne dieses Schiff“), Aufbruchstimmung ist spürbar („Bis zur Wiederkehr“).

Die Musik ist einfach gut arrangiert. Vor allem wenn das Ensemble chorisch singt, heben sich die Klassenunterschiede auf und das Verbindende des Unglücks erhält einen tragischen Ton – der Gesang vielseitiger Schauspieler. Es ist selten, dass eine Musicalproduktion bis in die Nebenrollen so gut besetzt ist. Hier gibt es keine Hauptperson wie beispielsweise in „Bodyguard“, die alles überstrahlt – hier ist die Geschichte der Star.

Wenn Kierian Brown als Murdoch „To Be a Captain“ singt, wird seine persönliche Vorsicht als Verantwortung für Menschen und ein Schiff verstanden. Es ist ein Gedanke und ein Kernthema des technischen Fortschritts, der in das detailreiche Spektrum eines erzählerischen Musicals eingeordnet wird.

Die Bühne hat David Woodhead als doppelgeschossiges Schiffsdeck angelegt, dass sich mit fahrbaren Tischen und Leitern zu Spielräumen verwandeln lässt. Die Weite des Ozeans wird bei diesem Kammerspiel nicht vermisst. Und wie das Heck des sinkenden Schiffes dann aufsteigt, ist wirksam wie einfach gelöst. Kitschig sind nur wenige Schlussszenen.

Am Ende geht es um die Opfer, die zu den Überlebenden (mit den Wolldecken der Carpathia) stoßen. Alle bilden eine Gemeinschaft im Geiste, die sie nie waren. Aber in „Titanic – Das Musical“ wird mit Mut zum Pathos etwas tief Menschliches ausgelöst, dass einen mit den Schicksalen verbindet. „Gute Fahrt, bis zur Wiederkehr!“

Bis 28. 7.; Tel. 0221/280 280; www. philharmonie- koeln.de

Quelle: wa.de

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