Musical „Ganz oder gar nicht“ in Dortmund

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Begnadete Körper in Dortmund: Szene aus „Ganz oder gar nicht“ mit Markus Schneider und Frank Odjidja. ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Was ein echter Freund ist, der tut alles für seinen Kumpel. Er zieht ihn aus einem Wagen voller Kohlenmonoxidschwaden, bietet ihm hinterher eine Kippe an und seine Hilfe bei dem Versuch, den Selbstmord zu Ende zu bringen. Ein Hauch schwarzer britischer Humor in der Musicalversion des Films „Ganz oder gar nicht”. Zu sehen ist das Stück (Musik: David Yazbek, Buch: Terence McNally) am Opernhaus Dortmund: eine zweieinhalbstündige, knallige, sehr unterhaltsame Variante des Stoffs.

Die Kumpel Jerry Lukowski und Dave Bukatinsky sind am Ende. Sie haben ihren Job in einem Stahlwerk verloren; der Strukturwandel hat voll zugeschlagen. „Mein Revier – nur weg von hier”, spottet Luxusweib Vicky. Arbeit haben nur noch die Frauen – in trendy Kaffeebars. „Das kann ja nicht gutgehen”, sagt Bukatinskys Frau Georgie. Als Jerry wegen fehlender Unterhaltszahlungen seinen Sohn verlieren soll, kommt er auf eine verzweifelte Idee: Damit der Rubel rollt, will er die Hüllen fallen lassen – und zwar alle, als „Lukowski, der Hattinger Hammerhai.” Er gründet die Strippergruppe „Hot Metal” und rekrutiert die abgebranntesten Gestalten: Malcolm, das Muttersöhnchen, der sich in seinem Golf töten will, Elton den verhinderten Actionstar und seinen Ex-Chef Harald, der inzwischen auch keinen Job mehr hat, aber den luxuriösen Zeitvertreib seiner Frau weiterfinanziert.

Heike Meixner (Bühne und Kostüme) hat ein hohes Gerüst bauen lassen, das mit Industrieoptik mal als Fabrik, mal als Hinterhof durchgeht. Fahrbare Kulissenbauteile auf Schienen verwandeln die Vorderbühne abwechselnd in Schlafzimmer, Espressobar oder Küche. Da geht keine Zeit für Umbau verloren. Regisseur Gil Mehmert hat eine temporeiche, mit derben Sprüchen und ein paar lustigen regionalen Anspielungen gespickte Show gestrickt. Seine „echten Kerle” brüllen einander Mut zu, als sie die knappen Lederstrings sehen, die Jerry ihnen besorgt hat. „Wir sind Stripper mit regionalem Bezug”, sagt Jerry. Hochkomisch ist das „Casting”: Noah, genannt „Horse” (Frank Odjija), ist zwar alt und hat eine schlimme Hüfte, aber er ist schwarz und hat daher, nimmt Jerry an, ein besonders langes „Gerät”. Es folgt eine Motown-Nummer à la Michael Jackson, die Noah mit heftigem Beckenzucken und verzerrtem Gesicht tanzt – die Hüfte!

Von einem schwulen Stripper und Frauenidol – Markus Schneider schwingt seine Hüften in hinternfreien Lederchaps vor einem kreischenden Frauengefolge – lernt Jerry den „Kick ball change” – die einfache Tanzanleitung klingt da wie eine unanständige Pointe. David Jakobs spielt den Jerry als haltlosen jugendlichen Draufgänger mit Herz. Jakobs hat in diesem Jahr die Folkwang-Hochschule absolviert – ein junges Talent mit reichlich Bühnenpräsenz und viel Charme. Patrick Stanke verleiht dem pummeligen Dave den Sexappeal eines Teddybären. Ein schönes Duo. Als Daves Frau wandelt sich Sabine Ruflair, eine weitere Folkwang-Absolventin in der Cast, vom kreischenden Girlie in Glitzerstulpen – die Achtziger lassen grüßen – zur liebenden Ehefrau. Die Doppelduette mit Harald und seiner Frau Vicky (Melanie Wiegmann) sind was fürs Herz. Erfolgsdruck und Verlustangst plagen die Männer. Am Ende ist alles vergessen, als für die Bühnenshow die letzten Strings fallen. Das letzte „Blankziehen” setzt Mehmert geschickt in Szene.

Die Darsteller werfen sich mit Lust in ihre Rollen. Die achtköpfige Band liefert aus ihrem kleinen Orchestergraben heraus druckvollen Soul und Motown. Einziger Kritikpunkt: Die Akustik ist nicht gut ausgesteuert, allzuoft kommt Klangbrei im Publikum an, obwohl sich die Sänger alle Mühe geben, deutlich zu artikulieren.

5., 6., 11., 17., 19., 27.11., 4., 17.12., 7., 29.1.,

Tel. 0231/50 27 222,

http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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