Museum Ostwall im Dortmunder U präsentiert Sammlung neu

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Ein glattpolierter Polyesterfindling von Thomas Rentmeister liegt im Museum Ostwall vor Agostino Bonalumis „Einvironment Structure“.

Von Ralf Stiftel DORTMUND - Schon als das Dortmund Museum Ostwall noch am Ostwall untergebracht war, hatte es zu wenig Platz. Nun bespielt das Institut zwei Etagen im Dortmunder U, kann aber immer noch nur rund zehn Prozent seines Bestandes präsentieren. Darum ist die „Sammlung in Bewegung“, wird im Jahresrhythmus neu inszeniert. Gerade wurde wieder umgeräumt. Die Schau zeigt Neuerwerbungen vor und entdeckt alte Schätze neu.

Der Titel der Schau, „Anybody Can Have An Idea“, verweist direkt auf einen Sammlungsschwerpunkt, die Fluxus-Bewegung. Jeder kann eine Idee haben, nach diesem Prinzip funktioniert zum Beispiel der „Three Chair Event“, den der US-Künstler George Brecht 1961 konzipierte. Drei Stühle sind über die Etage verteilt. Besucher können sie umstellen und ausprobieren, ob es sich auf dem gelben Stuhl anders sitzt.

Im letzten Jahr präsentierte das Museum eine Fluxus-Ausstellung mit Neuerwerbungen aus der Sammlung Feelisch und der Sammlung Braun. Viele Arbeiten aus der Schau sind nun in die Bestandsschau integriert, zum Beispiel das „Finger-Book“ von Alison Knowles, das auf einem Tisch unterschiedliche Schriftsysteme wie Keilschrift, Knotenschrift der Inka und Blindenschrift demonstriert. Eigentlich müsste man das betasten, um es richtig zu erfahren. Aber das fein arrangierte Sammelsurium hat auch optisch seinen Reiz. Man hat einen Raum für Werke von Beuys, das „Schallplattenschaschlik“ von Nam June Paik ist ebenso zu sehen wie die „Sonata for fish“ des koreanischen Medienkünstlers. Und der große Raum mit Wolf Vostells Installation „Thermoelektronischer Kaugummi“ (1970) mit seinen düsteren Lager-Assoziationen wird ergänzt durch neue Fotos vom „Mobilen Museum Vostell“, das der Künstler 1981 in einem Güterzug im Hauptbahnhof einrichtete.

Mehr als 400 Werke hat Sammlungsleiterin Nicole Grothe neu arrangiert. Der Bogen spannt sich von der klassischen Moderne bis zu Gegenwartspositionen. Natürlich müssen die Besucher nicht auf vertraute Lieblingsbilder verzichten. Max Beckmanns „Selbstbildnis mit Zigarette“ (1947) und die erotische Szene „Afternoon“ (1946) haben ebenso ihren Platz wie die Expressionisten der „Brücke“. Zu August Mackes „Großer Zoologischer Garten“ (1913), einem Schlüsselwerk des rheinischen Expressionisten, hat das Haus jetzt eine Bleistiftskizze erwerben können, die auf einem Pult vor dem Gemälde zu sehen ist, so dass man in einer Blickrichtung vergleichen kann, wie Macke seine Ideen im Schaffensprozess änderte, zum Beispiel eine Frau malte, wo erst ein Mann stand. Hier, bei den Expressionisten und der klassischen Moderne, fällt allerdings die Präsentation asketisch aus. Wie wenig sieht man beispielsweise von den Jawlenskys des Hauses! Und doch bietet sich auch Neues: Die komplette, frisch restaurierte Mappe „La Ville“ von Fernand Léger, 29 Farblithografien, die der französischen Maler zwischen 1952 und 1958 schuf.

Ein Raum mit Nachkriegskunst von Emil Schumacher, Fritz Winter und anderen findet seinen zeitgenössischen Konterpart in der Farbmalerei Ricardo Saros. In dessen vermeintlich monochromen Bildern sind die Farben nicht, was sie scheinen, ein Blau oder Rot entpuppt sich als krude Mischung aus vielen Übermalungsschichten. Gelungen ist die Begegnung von drei Künstlerpositionen in einem Übergangsraum. Hier sieht man die Geflechte von Susanne Thiemann, die wie Lebewesen herumliegen, neben den polierten, rundlichen Polyesterfindlingen Thomas Rentmeisters. Ihnen antwortet die „Environment Structure“ (1968) von Agostino Bonalumi, eine wandfüllende Holzstruktur, die mit schwarzer Kunststofffolie bespannt ist und reliefartig in den Raum ausgreift. Auch dies eine lange nicht gezeigte Entdeckung im Bestand.

Schließlich ergibt sich auch in der Abteilung mit Videoarbeiten feine Dialoge. Da sind zum Beispiel die „Portraits Of Young Men“ von Martin Brand, der in Dortmund junge Männer einfach vor die Kamera stellte. Nichts zu sagen, einfach nur dem Objektiv ausgeliefert zu sein, das lässt harte Machoposen schnell aufbrechen. Einen Raum weiter sieht man Freya Hattenbergers Selbstporträt „Ich bin’s“, eine junge Frau, die Cola trinkt, rülpst und eben „Ich bin’s“ sagt. So werden Geschlechterbilder ironisiert.

Der frische Blick auf eine starke Sammlung lohnt allemal – und verkürzt die Wartezeit bis zur nächsten Wechselausstellung.

Bis Februar 2015, di – so 11 – 18, mi, do bis 20 Uhr, Tel. 0231/ 502 52 36, www.museumostwall. dortmund.de

Quelle: wa.de

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