Museum Osthaus zeigt die Sammlung Joseph Kiblitsky: „Russische Kunst heute“

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Igor Baskakov malte „Sex and the City“ (2010).

HAGEN - Mit dem Finger fährt Joseph Kiblitsky über das Bild „Newtonsches Gesetz“, das mit seiner Raster-Optik das übergroße Abbild einer Frau zeigt und gleichzeitig changieren lässt. Zu sehen ist eine barbusige Sportlerin, die auch ihren Bizeps präsentiert. Der russische Sammler Kiblitsky demonstriert auf einfache Weise, wie perfekt die Technik ist, die George Pusenkoff angewendet hat. Pusenkoff schafft ein Gitter aus verschiedenfarbigen Linien, die breiter und schmaler verlaufen. So erhält das Motiv eine Dynamik, die zur Illusion einer Bewegung führt, wenn man das Bild von 2011 betrachtet.

Pusenkoff zählt zu Joseph Kiblitskys Freunden. „Es ist ein Kreis von Künstlern“, wie Kiblisky in Hagen ausführt, die in den 190er Jahren ihre Kunst entwickelten und mittlerweile über Russland hinaus bekannt geworden sind. Pusenkoff lebt im Westen. Ebenso wie Alexander Tinofeev, der mit seinen melancholischen Bildern („Das ist das Ende“, 2007) in der zentralen Halle des Museum Osthaus in Hagen vertreten ist. Von Ilya Kabakov sind Buchillustrationen in einem Kabinett zu sehen: „Die Geschichte der Anna Petrovna“ (1978).

„Russische Kunst heute. Malerei, Skulptur, Fotografie“ heißt die Ausstellung in Hagen, die zwei Abteilungen bietet. Einmal ist die Sammlung Kiblitskys zu sehen und zum anderen zeigt Kiblitsky seine Fotografien. „Ich hatte die Kamera in einer Plastiktüte“, sagt Kiblitsky (71), der in der UdSSR keine öffentlichen Aufnahmen machen durfte. Die Menschen seien misstrauisch gewesen. Aber Kiblitsky hielt den sowjetischen Alltag fest, wenn das junge Paar einen Kinderwagen mühevoll eine Treppe hinaufträgt („Serpuchow, 1977“). Oder eine Frau hinter der maroden Tür zu sehen ist. Das Holzhaus („Dorf Melichowo“, 1976) ist gänzlich aus Brettern und Balken gebaut und wird auf der Fotografie zu einem eigenständigen Strukturbild. Kiblitsky ist in Zwischenräumen unterwegs, dort wo kein Tourist hinkommt. Murmansk, Dubrowisy, Jalta, Klimowsk – Kinder, Jugendliche, Frauen und alte Menschen sind zu sehen. So dokumentiert er russisches Leben unaufgeregt, aufmerksam und mit Verständnis für das karge Dasein. Missstände stellt er nicht heraus.

Die Ausstellung bietet 180 Gemälde, zehn Skulpturen, Fotografien und eine Videoarbeit. Museumsdirektor Tayfun Belgin schlägt die private Sammlung der Tradition des Hauses zu. Schon Gründer Karl-Ernst Osthaus habe seine private Sammlung in Hagen 1902 ausgestellt. Nun also russische Kunst, die vor allem technisch überzeugt.

Im Museum Osthaus ist vor allem zu sehen, von welchen Vorbildern sich die zeitgenössischen Künstler inspirieren lassen. Es geht zurück in die Zeit der russischen Revolution – vor und nach dem ersten Weltkrieg. Leonid Sokov setzt auf die kantige Teekanne Kasimir Malewitschs eine schwarze Kanone und nennt das paradoxe Gebilde „Wo ist die Aggression der russischen Avantgarde?“ (2002). Die Bildikone der Moderne, Malewitschs „Schwarzes Quadrat“ (1915), hat auch Vladimir Nemukhin in einer Collage aufgegriffen. In „Fenster“ (200) bildet ein grafisches Gitter den Durchblick im unifarbenen Quadrat. Kreisformen dahinter erinnern an die universellen Raumkörperstudien Malewitschs. So hält sich auch Viktor Popov mit seinen geometrischen Material- und Körperreliefs (Sperrholz, Acryl) an den Konstruktivismus des frühen 20. Jahrhunderts. In Hagen sind drei seiner „Räumlichen Konstruktionen“ (2016) ausgestellt.

Den Kubofuturismus greift Stanislav Blinov wieder auf. Sein „Christus am Ölberg“ (1994) ist eine gemalte Figur aus farbigen Prismen, die sich vom Kreuz zum Betrachter neigt. Das Bewegungsmotiv dieses Kunststils wird in „Terror“ (1992) deutlicher, wenn Motivstränge mit Wölfen, Pferden und Gesichtern durch den Bildraum schießen. Stadtsilhouetten und Gebäude rahmen die grellen Momente ein.

Außerdem wird das Fantastische der russischen Märchenwelt thematisiert. In Leonid Purypins „Fantasie“ (1987) steigt Jesus mit einer Geige vom Kreuz und schwebt dahin, wie die Figuren in Chagalls Träumereien. Sein „Selbstportrait“ (1987) ist eine niedliche Ironie. Popstar Madonna soll ganz begeistert von diesen Bildern sein, sagt Joseph Kiblitsky. Und US-Regisseur Steven Spielberg kaufe die Skulpturen von Dimitri German, sagt der Sammler. In Hagen sind zwei seiner Bronzen zu sehen: Ein ausgemergelter Mann zieht ein Bootswrack („Mann und See“, 1998). Man ist an die „Wolgatreidler“ von Ilja Repin erinnert und an Giacomettis Minimalismus.

Igor Baskakov verbindet stattdessen kapitalistische Werbestrategien mit russischen Propaganda-Ikonen. Er lässt vier Traktoristinnen in seinem Gemälde „Sex and the City“ (2010) auftreten. Kernig und burschikos wirken die Russinnen. Zur US-TV-Serie und Carrie Bradshaw passen sie nicht. In Hagen ist gleich eine ganze Reihe dieser farbstarken und plakativen Gegenüberstellungen zu sehen: Chanel No. 5, Coca Cola, Marlboro...

Alexander Besel kultiviert dagegen einen hartleibigen Humor, der das leidvolle Selbstverständnis vieler Russen aufgreift. Das Gemälde „Zwischenstopp“ (2008) des Jörg-Immendorff-Schülers zeigt, wie eine Möwe auf dem Kopf eines Hundes steht, der durch ein endlos scheinendes Meer schwimmt. Ihm steht das Wasser bis zum Hals, aber Hilfe gibt es nicht. Besel kritisiert mit dieser Bildmetapher die Ignoranz des russischen Staates gegenüber seiner Bevölkerung.

Die Schau

Eine überbordende Schau zeigt die technische Brillanz aktueller russischer Kunst und ihrer Bezüge zum Westen und zur eigenen Kunstgeschichte.

Russische Kunst heute im Museum Osthaus in Hagen.

Bis 25. Februar; di-so 11–18 Uhr; Fotobuch zu Kiblitsky, 20 Euro; Katalog in Vorbereitung;

Tel. 02331/2073138;

www.osthausmuseum.de

Quelle: wa.de

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