Das Museum Marta wagt Fragen an Kunst

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Eine Frage bringt den Besucher an die Kunst heran: Royden Rabinowitchs Skulptur ist in Herford zu sehen.

Von Ralf Stiftel HERFORD - Da liegen also die Blechplatten von Royden Rabinowitch einigermaßen ungeordnet auf dem Boden. Man sieht, wie sich auf dem Metall Spuren abzeichnen, wie von Schuhsohlen. Als ob jemand darauf herumgetrampelt hätte. Und an der Wand prangt der Schriftzug: „Ist das schon richtig aufgebaut?“

Das Museum Marta in Herford versucht, den Menschen moderne Kunst ganz einfach nahe zu bringen. In der Ausstellung „Fragen wagen“ präsentiert das Haus 15 Werke aus seiner Sammlung in ungewöhnlicher Form. Die Kuratorinnen Franziska Brückmann und Anja Kessel zeigen, wie Museumspädagogik Spaß machen, ja, ungewöhnliche Zugänge zu den Werken erschließen kann.

Zu jedem Werk findet man eine Frage. Ein Gemälde von Jens Wolf hängt mitten in der Frage „Ist das Bild kaputt?“ Der in Berlin lebende Maler arbeitet mit dem Kontrast zwischen einer minimalistischen Formgebung – im vorliegenden Bild „04.75 2004“ mit Streifen – und einem Malgrund, der dem Betrachter dadurch präsent wird, dass Kanten unregelmäßig, abgestoßen sind. Der Künstler lenkt den Blick des Betrachters auf einen Aspekt seines Werks, der sonst in Malerei übersehen wird, werden soll. Einfache Fragen sollen es dem Besucher erleichtern, mit der Kunst in Kontakt zu kommen.

Dazu gehören auch kurze Schrifttafeln mit Texten des Architekten und Romanciers Friedrich von Borries. Ebenfalls sehr subjektiv nähert er sich den Arbeiten, zur eingangs erwähnten Skulptur heißt es: „Also, ich kann ja mit so Blech, das auf dem Boden rumliegt, eigentlich gar nichts anfangen. Sagt mir nichts, tut nix mit mir, will nix von mir. Dafür spricht mich der Titel an.“ Das führt in aller Schlichtheit zu Wahrnehmungsweisen. Man darf Rabinowitchs Skulptur auf Augenhöhe entgegentreten, Demut ist unangebracht, nur weil man vielleicht nicht sofort alles versteht. Die Arbeit von 2007 heißt „Anatomy of Stan Laurel and Oliver Hardy (between Solipsism and Nihilism)“. Und man könnte an die berühmten Kurzfilme denken, in denen Stan und Ollie Autos zerstören (wie „Two Tars“ von 1928).

So folgt man den Spuren, die die Fragen zu der Kunst auslegen. Ob der Künstler spinnt – Dennis Feser baut im Video „Spherical Practise“ (2009) ein Gespinst aus Wattestäbchen und Klebeband um seinen Kopf. Und findet eigene Überlegungen in den Begleittexten wieder, zu der Arbeit „Haare auf Porzellan“ (2002) der koreanischen Künstlerin Sekyung Lee, die eine Bemalung auf einem Teller mit gefärbten Haaren anfertigt: „Eklig. Aber irgendwie auch unglaublich schön. Und zart. Na ja, vielleicht wird die Spießigkeit des Musters erst durch den Ekel vor den Haaren erträglich.“

Und der Besucher soll nicht bloß gucken, sondern darf an einem Arbeitstisch auch einzelne künstlerische Arbeitstechniken ausprobieren. Oder auf bereitliegenden Zetteln eigene Kommentare notieren, die an neben der Kunst an die Wand gehängt werden. Vielleicht über er aber auch nur die „türkischen Liebeswörter“ (2006), die Nezaket Ekici in einem Video vorspricht, ein Sprachkurs und ein wunderbarer Flirt mit dem Besucher: „Sag mir das mal mit Gefühl!“

Das Marta bietet aber noch mehr Ungewöhnliches: Vom 8. bis 15. Juni steht das Haus (fast) leer – und öffnet sich neuem Publikum zu einem „Intermezzo“. Am 13. Juni kann Frank Gehrys Architektur von Hobby-Fotografen unverstellt aufgenommen werden. Am 14. Juni dürfen Skater durch die Galerien flitzen. Es gibt einen Tango-Abend am 15. Juni. Und der Künstler Franz Erhard Walther bietet vom 7. bis 12. Juni Besuchern an, unter seiner Anleitung die „Handlungsbahnen“ zu aktivieren, das heißt, Stoffbahnen so auszurollen, dass sie im Raum zu Skulptur werden. Die Aktion wird gefilmt, die Teilnehmer werden Teil des Kunstwerks.

Fragen wagen bis 10.8., di – so 11 18 Uhr, Tel. 05221/ 99 44 300, www.marta-herford.de

Intermezzo 8.-15.6.

Quelle: wa.de

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