Museum Marta Herford zeigt Navid Nuur: „Hocus Focus“

Vitrine mit Fundstücken vom Gelände des Marta in Herford. Foto: lettmann

Herford – Spröde wirkt die Ausstellung von Navid Nuur im Herforder Museum Marta. Eine Druckpresse steht fast im Weg, an einer Wäscheleine hängen Hose, Hemd, Socken, Schuhe, und ein Bauzaun verengt den Eingang zu einem Kabinett. „Hocus Focus“ nennt der iranisch-niederländische Künstler seine Schau, die eigentlich eine Einladung sein will. Herein zu kommen und nachzuspüren, dass unser Alltag voller Möglichkeiten steckt, künstlerisch zu sein. Nuur sieht seine Objekte nicht als isolierte Werke, sondern er zielt auf eine Teilhabe des Betrachters. Seine „Interimodule“ wollen ergänzt werden. Ein pechschwarzes Bild „97-93-95 (from the Eyecodex of the Monochrome) 1984–2019“, das noch den Schatten des Betrachters reflektiert, erstrahlt grün, sobald es mit einem Blitzlicht fotografiert wird. Wer ein Fünf-Cent-Stück in die Münzpresse legt und die Kurbel betätigt, erhält den Fingerabdruck des Künstlers auf einem sehr breiten Stück Kupfer. Dieses partizipative Moment vervollständigt Navid Nuurs Interimodul. So versteht er Kunst, Titel der Arbeit: „Hyped by History, Hypnotized by Memory, 1976–2020“.

Nuurs Kunst lehrt einen, genau hinzuschauen, die Geschichte im Detail zu entdecken. Im Kabinett steht eine Vitrine mit Materialien, die er auf dem Gelände um Frank O. Gehrys Museumsarchitektur gefunden hat: Ein Backstein, ein Stück davon, ein Ziegelrest, kleine Steinchen, Tonkörner. Diese Reihe reduziert von der Funktion des Ziegels – Baustoff für das ganze Marta-Gebäude 2005 – zu Navid Nuur These, dass das Haus nur ein „Haufen Mineralien ist“. „Sogar Du selbst bestehst eigentlich nur aus Mineralien“, sagt Nuur und will das Bewusstsein weiten wie fokussieren. Neben dem Backstein liegt eine Fliese, auf der verschiedene Stoffe in einer Gitterstruktur geordnet sind: türkise Farbglasur, rote und schwarze Stoffe, Granulat, Steinchen, Pulver, Brandstücke – einiges ist tatsächlich erhitzt worden. Weiter findet sich ein Elektrokabel mit feinen Spuren von Kupferlitze. Blätter, Scherben, zerbrochenes Glas und eine Tonvase. Vor der Vitrine steht ein Trittkasten aus Holz. Die Ausstellung richtet sich auch an Kinder.

Gegenüber ist ein Regal aufgestellt, das Knetgummi-Figuren, Aquarelle auf Teefiltern, Ketten und Reifen aus Plastikfüllstoff für Verpackungen bietet. Auch eine Objektreihe hinter Glas wird präsentiert: Popcorn. Der geplatzte Mais ist auf Nadeln gespießt, wie es einst Biologen mit Insekten machten. Hier soll veranschaulicht werden, wie unterschiedlich der Knabberspaß ausfällt, wenn die weiß-gelben Unikate verglichen werden. Die Publikation „Ta-Da! Künstler*in werden in Nullkommanichts“ liefert Anleitungen zu diesen Kunstproduktionen. Das Heft richtet sich an Jugendliche. In Herford liegt eine deutsche Fassung des Originals vor, das Nuur mit dem Centre Pompidou in Paris erarbeitete.

Die Ausstellung „Hocus Focus“ wird eine kleine Entdeckungsreise. In einem zweiten Kabinett läuft das 3-Kanal-Video „When doubt turns into destiny“ (1993-2011, 31 Min.). Alle Videos zeigen, wie Navid Nuur sich ganz behutsam Eingängen, Durchfahrten, Haus- und Geschäftsräumen nähert. Und sowie er einen Bewegungsmelder auslöst, verharrt er im Licht des Strahlers. Ein Bild entsteht vor Mülltonnen, Kellereingängen und Hinterhofszenerien, das gleich wieder verlischt, weil sich Nuur nicht mehr bewegt. Es ist auch ein Spiel um sensible Räume, um Verbote und Kontrollvorrichtungen. Der Künstler erhebt einen Alltagsmoment zu einer visuelle Erfahrung. Das ist auch spielerisch gemeint und soll unkonventionell sein, wie bei den manipulierten Bügelschlössern („Ohne Titel“, 2019), die Navid Nuur wie gusseiserne Zaunstreben mit Blatt- und Schnörkel-Applikationen überhöht hat.

Genau hinsehen lohnt sich in Herford. Der kühle Schimmer der installativen Wandarbeit „Broken Blue Square“ (2017) ist nicht monochrom, weil Glassplitter in den Röhren des Lichtkunstwerks die blaue Farbe brechen. Auch spröde ist die Ausstellung mit ihren 35 Exponaten schon lange nicht mehr.

Bis 26. April; di-so 11–18 Uhr; 1. mi im Monat bis 22 Uhr; Tel. 05221/99 44 3023; www.marta-herford.de; Werkheft 7,50 Euro

Quelle: wa.de

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