Museum Marta in Herford zeigt Buckminster Fuller

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Der Zeit weit voraus: Buckminster Fullers „Dymaxion Car“ aus dem Jahr 1932, zu sehen in Herford. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ HERFORD–Das Auto fasziniert natürlich. 1932 hatte Richard Buckminster Fuller seinen „Dymaxion Car“ entworfen, eine Limousine in Tränenform auf drei Rädern in Leichtbauweise. Wer die klobigen Fahrzeuge jener Zeit vor Augen hat (vielleicht aus einem alten Gangsterfilm), der hat eine Vorstellung, wie sehr dieser Wagen seiner Zeit voraus war. Er hätte den Straßenverkehr revolutioniert. Leider gab es, kurz bevor Fuller ihn auf der Weltausstellung in Chicago präsentieren konnte, einen tödlichen Unfall. Der Dymaxion Car ging nie in Serie.

Heute steht einer, blank poliert, grün lackiert, im Museum Marta in Herford. Der Architekt Sir Norman Foster hat ihn auf eigene Kosten nachbauen lassen und präsentiert ihn als Premiere in der Ausstellung „Bucky Fuller & Spaceship Earth“. Unter der Decke hängt eine andere Erfindung Fullers, ein Ruderkatamaran, der auf zwei schmalen Kufen schwimmt. Vor allem aber ist „Bucky“, wie ihn alle nennen, berühmt für seinen architektonischen Geniestreich, die geodätischen Kuppeln. Das sind selbsttragende Bauwerke, die ohne Säulen oder tragende Wände auskommen, ohne rechte Winkel und doch stabiler als die meisten anderen Bauwerke. Den amerikanischen Pavillon auf der Expo in Montreal 1967 konstruierte Fuller so, ein 76 m durchmessendes, 62 m hohes Bauwerk aus einem Stahlskelett mit Füllungen aus transparentem Acryl.

Der britische Stararchitekt Norman Foster hat zwölf Jahre lang mit Fuller zusammengearbeitet. Darum stellte er, ursprünglich für Madrid, die Ausstellung zusammen, um an den Universaldenker und Guru der Umweltbewegung Fuller zu erinnern. Richard Buckminster Fuller (1895– 1983), geboren in Milton, Massachusetts, hat sich mit vielen Fragestellungen befasst. Seine geistige Welt wird in der Schau mit seltenen frühen Skizzen und Entwürfen, mit Modellen und Objekten, mit Fotos und einem Film vermittelt. Fullers Denken würde man heute ganzheitlich nennen. Eine Skizze aus dem Jahr 1928 zeigt eine Weltsicht, die so gar nichts Technisch-Praktisches hat. In „Lightful“ umgibt Fuller die Erdkugel mit Symbolen wie einem Herz, einer Sonne, einer Kirche und einem Kleinkind (seine Tochter Allegra war gerade geboren worden). Man denkt an ein philosophisches Modell oder gar an einen religiösen Entwurf. Doch „Buckys“ Konzepte sind geerdet. Auf der Erde stellt er einen großen Baum einem Mast gegenüber, an dem ein Zeppelin angedockt ist. Mit dieser Konfrontation von Natur und Technik weist er schon in die Moderne.

Um zwei Generationen sei Fuller seiner Zeit voraus gewesen, meint Kurator Markus Richter. Sein Sinnbild von der Erde als Spaceship, als Raumschiff, weist auf eine ökologische Sicht der Dinge: Alle Vorräte sind endlich. Was Fuller auch entwarf, es folgte Prinzipien von Nachhaltigkeit und Effizienz: Es sollte so wenig Material und Energie wie möglich verbraucht werden. Er prägte Begriffe, die heute allgegenwärtig sind, wie Synergie. Fuller wollte den Wohnungsbau revolutionieren mit Häusern, deren Etagen an einer zentralen Achse aufgehängt waren. Dieses Konzept scheiterte wie der Dymaxion Car. Erst seine geodätischen Kuppeln, die er sich hatte patentieren lassen, waren erfolgreich. Seine utopischen Entwürfe zum Beispiel von gewaltigen Wohntürmen für den New Yorker Stadtteil Harlem, wie sie eine Skizze von 1965 verdeutlicht, hätten massiv in den Stadtraum eingegriffen. 110 000 Menschen hätten hier untergebracht werden sollen. Bei allem Bewusstsein für Ressourcen glaubte Fuller doch an den Fortschritt und die prinzipielle Machbarkeit selbst radikaler Projekte.

Fuller wurde zum Vorbild. 1964 widmete das Time-Magazine ihm ein Titelbild. Und noch heute berufen sich Künstler auf sein Schaffen, wie parallel die Ausstellung „Wir sind alle Astronauten“ belegt, die Werke u.a. vom chinesischen documenta-Teilnehmer Ai Weiwei und dem Biennale-Teilnehmer Olafur Eliasson präsentiert. Die Schau ist von großer Vielseitigkeit. So hat der ungarische Künstler Attila Csörgö ein regalförmiges Mobile geschaffen, das Fullers Vorliebe für elementare Formen reflektiert. Stäbe an Fäden markieren einen Körper im Raum, der sich quasi von allein in einen anderen verwandelt. Die Mechanik liegt offen, und doch hat diese Konstruktion eine unwiderstehliche Poesie. Ähnlich bezaubert die Arbeit „Ocellus“ von Albrecht Schäfer durch ein Eigenleben der Objekte. Der Künstler spannte über vier Scheinwerfer eine große Plastikfolie. Die bewegt sich allein durch die Hitze der Lampen wie eine seltsame Luftqualle. Der mexikanische Künstler Pedro Reyes schließlich ließ sich vom Dymaxion Car zu einem Fahrzeug inspirieren, dem Ciclomovil, das mit Pedalen und Muskelkraft angetrieben ist und vielleicht ein Fortbewegungsmittel für große Städte außerhalb der Industriestaaten wäre.

Bis 18.9., di – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 05221/99 44 300, http://www.museum-marta. de,

Katalog, Kerber Verlag, Bielefeld, 30 Euro

Quelle: wa.de

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