Museum Ludwig würdigt Kölner Sammler Josef Haubrich

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Ikone des Expressionismus, von Haubrich erworben: Ernst Ludwig Kirchners „Weiblicher Halbakt mit Hut“.

Von Ralf Stiftel ▪ KÖLN–Marc Chagall kaufte er 1924 das Gemälde „Gelbes Haus“ noch nass von Farbe direkt aus dem Atelier. Dazu sammelte er Kirchner, Pechstein, Heckel, Dix, Grosz, Nolde, die wilden Künstler, die sich anschickten, moderne Klassiker zu werden.

Josef Haubrich war versessen auf Kunst und „schräg drauf“, meint Kasper König, scheidender Direktor des Kölner Museums Ludwig. Das musste einer sein, der nach 1933 das sammelte, was die NS-Machthaber als „entartet“ beschimpften und aus den deutschen Museen verbannten. Haubrich (1889– 1961), Anwalt in Köln, nutzte den Umstand, dass der Besitz der Meisterwerke der Moderne für Privatleute zwar unerwünscht, aber nicht verboten war. Er kaufte, was Galeristen im Auftrag der Nazis eigentlich ins Ausland verscherbeln sollten. Und 1946 schenkte er einen Großteil seiner Schätze seiner Heimatstadt.

Eigentlich müsste das Museum Ludwig anders heißen, meint Kasper König, nämlich Museum Ludwig Haubrich. Der Anwalt und fanatische Sammler legte mit seiner Schenkung den Grundstock dafür, dass die Stadt am Rhein so schnell ein Zentrum für die Kunst der klassischen Moderne wurde. Die Bilder konnten in der zerbombten Metropole zunächst nicht untergebracht werden. Also schickte man sie auf Tournee durch Europa: Paris, Brüssel, Amsterdam, Basel, München, Berlin, Dortmund, Hamm. In Dutzenden Stationen wurde die Sammlung berühmt als einzige gerettete Expressionisten-Sammlung.

Im Museum Ludwig stehen die Meisterwerke seit langem im Schatten der Ludwig‘schen Stiftungen von Pop-Art und der Gegenwartskunst. Das, was man immer sehen kann, schaut man sich nicht mehr richtig an, wenn immer neue Wechselausstellungen Betrieb machen. Bei der Sammlung Haubrich soll das anders werden. Das Haus präsentiert die besten Bilder neu. Eine Verbeugung vor dem Kunstförderer Haubrich.

Und es hat die Gemälde und Skulpturen neu erforscht, vor allem ihre Herkunft. Viele Werke stammten einst aus jüdischem Besitz, wurden geraubt oder mussten unter Zwang veräußert werden. Ein solches Bild konnte das Musum für sich retten: Otto Muellers „Zwei weibliche Halbakte“ (um 1919) wurde von der Gestapo beschlagnahmt und in einer späteren Auktion von Haubrich ersteigert. 1999 gab die Stadt Köln das Gemälde an die Erben der einstigen jüdischen Besitzer zurück, um es dann einvernehmlich zu erwerben. Fast zu jedem Bild, so Kasper König, könne man eine Geschichte erzählen.

Dorothee Grafabend-Gohmert hat die Provenienzen erforscht – soweit das möglich ist. Denn das Archiv des Sammlers, in dem er zu jedem Werk notiert hatte, wo er es erwarb und was er dafür bezahlte, das fiel dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs im Jahr 2009 zum Opfer. Zum Glück gibt es von einem Teil Kopien. Für die meisten Werke konnte die Kunsthistorikerin ausschließen, dass ihr Erwerb von der Verfolgung unter der NS-Herrschaft begünstigt war, zum Beispiel, weil Haubrich sie schon vor 1933 kaufte.

Bei rund 50 Werken blieb die Lage unklar. Wer war zum Beispiel der Mannheimer Sammler Schwarz, von dem Emil Noldes „Nach Sonnenuntergang“ an einen Galeristen und 1944 an Haubrich gelangte? Ein Streitfall ist Oskar Kokoschkas unvollendetes Porträt der Schauspielerin Tilla Durieux, das aus der Sammlung des jüdischen Galeristen Alfred Flechtheim stammt. Haubrich kaufte es 1934 von einem ehemaligen Angestellten Flechtheims,einem SA-Mitglied, der die Düsseldorfer Filiale übernahm. Flechtheims Erben fordern das Bild zurück. die Stadt Köln sieht noch immer ungeklärte Umstände. König betonte, dass man bereit sei, die Sache zu klären.

Klar ist, dass Haubrich in Distanz zum Regime stand, schon weil er mit Alice Gottschalk, einer jüdischen Ärztin, verheiratet war. Sie nahm sich 1944 das Leben, um der Verfolgung durch die Gestapo zu entgehen. Haubrich musste 1939 aus seiner Anwaltspraxis ausscheiden und verlegte seine Kanzlei in die Wohnung. Dass er die verbotene Kunst weiter sammelte, brachte ihn durchaus in Gefahr. Es verlangte Mut. Und Haubrich sammelte nicht spekulativ, sondern wollte schon früh die Allgemeinheit beteiligen. 1923 bot er erstmals mit Sammlerkollegen der Stadt eine Stiftung an, die allerdings Oberbürgermeister Adenauer ablehnte. Als er 1946 erfolgreicher war, handelte Haubrich zusätzlich ein kleines Gehalt für sich aus, das er nicht privat verwendete, sondern für weitere Kunstankäufe.

Die Vorbereitung der Präsentation brachte auch andere Erkenntnisse. So werden drei Bilder von Jawlensky, Kirchner und Pechstein frei im Raum an Drahtseilen gezeigt, damit ihre lange unbeachteten Rückseiten sichtbar werden. Das Gemälde „Das grüne Sofa“ (1910) von Max Pechstein hatte Haubrich 1953 wegen seiner Rückseite gekauft, des Porträts der Frau des Künstlers. Erst in den 1960er Jahren wurde das Bild gewendet. Die Entscheidung sei aus heutiger Sicht nachvollziehbar, Fränzi auf dem Sofa sei das deutlich bessere Bild, meint Kuratorin Julia Friedrich. Aber dass das Haus auf einer Leinwand zwei Werke besitzt, das kann der Betrachter nun auch sehen.

Bis 31.8.2013.

di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0221/ 221 261 65, http://www.museum-ludwig.de,

Katalog, Verlag der Buchhandlung Walter König, 36 Euro

Quelle: wa.de

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