Das Museum Ludwig in Köln zeigt Saul Steinbergs „Americans“

Gesichter der Großstadt, anonym und bedrängend: Detail aus Saul Steinbergs Bild „Downtown – Big City“ aus dem Zyklus „The Americans“, zu sehen in Köln. - Fotos: Museum

Von Ralf Stiftel  - Köln –Hoch ragen die Wolkenkratzer, und mit hunderten kleinen Pünktchen hat Saul Steinberg anscheinend jedes Fenster einzeln notiert. Oben ragen Antennen wie Fühler in die Luft. Links hat er einen Highway angedeutet, mit kleinen Kritzlern drauf für jedes Auto, eine Kette von Käfern oder Ameisen.

Und die Bewohner der Großstadt zeigt der Künstler in raffinierten Varianten: In den wuchtigen Leib einer Pelzmantelträgerin setzt er Profile: Zwei dünne Frauen, ein Paar, einen Jungen. Und Steinberg lässt eine Wolke von Köpfen aufstieben, viele geisterhaft verschlankt auf den Hut, die Augen, die Nase und die Kinnpartie, einen wie der realistische Schatten eines Gesichts. Und ganz realistisch sehen wir einem Hochhaus ein Frauenantlitz entwachsen.

So zeigte Saul Steinberg 1958 der Welt die „Americans“. Auf der Tafel „Downtown – Big City“ wählte er eine Großstadtszene. Auf anderen ging er in die Provinz. Der Künstler hatte seine Serie für die Weltausstellung in Brüssel geschaffen. Eine monumentale Wandarbeit entzückte das Publikum: Acht Tafeln, drei Meter hoch, zusammen fast 75 Meter lang. Erstmals seit jener Premiere sind Steinbergs Amerikaner nun wieder zu sehen, von Samstag an im Kölner Museum Ludwig.

Noch immer ist Steinberg (1914–1999) für Kunsthistoriker ein Unbekannter, erläutert Kurator Andreas Prinzing. Dabei schuf der gebürtige Rumäne, der vor den Antisemiten in seiner Heimat floh und 1942 in die USA kam, hunderte von Titelbildern und Illustrationen für Zeitschriften, allen voran „The New Yorker“. Von seiner Arbeit als Cartoonist für Magazine, sogar als Werbegrafiker konnte er gut leben. Seinem Nachruhm, speziell in der Fachwelt, schadete das. Es ist der alte Konflikt zwischen E- und U-Kultur, zwischen High und Low. Wer kennt nicht seine Darstellung der USA als kleinen Anhang an New York in der extremen perspektivischen Verkürzung über den ganzen Kontinent, die noch den Pazifik, Japan und China einschließt? Das Bild ist allerdings in Köln nicht zu sehen.

In Köln ist ein experimentierfreudiger Künstler neu zu entdecken, der vieles von dem vorwegnahm, was später als Pop Art Furore machen sollte. In den 1950er Jahren schuf er einen Bildkosmos des us-amerikanischen Alltags, distanziert, kritisch, aber auch liebevoll. In der Wandarbeit für die Expo fließt das alles zusammen. Man staune nur über die ausgefeilte Mischung aus Konzept und Improvisation. Grundlage für die Tafeln sind Zeichnungen Steinbergs, vor allem Landschaften und Stadtansichten, die er als Foto extrem vergrößerte. Auf diese Fläche setzte er in Brüssel seine Figuren, die er aus Packpapier, Tapeten, Zeitungen zusammen setzte. Hinzu kamen gezeichnete Partien.

In Steinbergs Szenerien entdeckt man die ganze Fülle einer modernen, liberalen Konsum- und Freizeitwelt. Im größten Ensemble, „The Road – South And West“, zeigt er einen Stau als dichte Staffelung von Autos, die er in wenigen Bögen andeutet, und obwohl jeder Fahrer nur einen Strich als schmalen Mund hat, meint man zu sehen, wie die Laune sinkt, je weiter hinten der Fahrer steht. Den Schlips eines Mannes, die Jacke eines anderen in „Main Street – Small Town“ hat er aus Zeitungsseiten mit Wochenend-Comics aufgeklebt.

Eigentlich stand Steinberg neben dem Mainstream der US-Kunst. Er war mit der Szene durchaus vertraut, seine Ehefrau Hedda Sterne, von der er sich zwar trennte, aber nie scheiden ließ, war Malerin im Stil des abstrakten Expressionismus. Und Steinberg kannte Jackson Pollock und Willem de Kooning. Aber er selbst arbeitete weiter gegenständlich. Manche seiner figurativen Abstraktionen sind an Picasso angelehnt. Aber ebenso bedient er sich aus dem Fundus der medialen Bilderwelt. Die Blondine in „Main Street – Small Town“ ähnelt fast porträthaft der Monroe.

Steinberg zeigt uns den Imbiss einer Kleinstadt, eine Cocktail-Party, deren leeres Geschwätz als Gekritzel in Sprechblasen auftaucht, ein Baseball-Stadion. Und immer wieder Typisierungen, die Kerle mit Hut, Zigarre, Kamera vor dem Bauch. Die Frauen als schräge Vögel. Den Motivfundus dazu hatte er in Zeichnungen und Skizzen entwickelt, die in Nebenräumen zu sehen sind.

Und zur Expo gibt es reiches Material, zeitgenössische Zeitschriftenartikel, alte Prospekte und sogar einen Wochenschaubericht. 40 Millionen Besucher sahen die Weltausstellung, und Steinbergs spektakuläre Wandarbeit hatte starke Konkurrenz. Die Russen zeigten in ihrem Pavillon ein Modell ihrer Raumsonde „Sputnik“, und natürlich war da das Atomium. In Köln kann man sich ganz auf ein außergewöhnliches Bildensemble konzentrieren.

Die Schau

Erstmals seit 1958 wieder komplett zu sehen: Die monumentalen Collagen des US-Zeichners Saul Steinberg für die Weltausstellung in Brüssel:

The Americans

im Museum Ludwig Köln.

23.3.–23.6., di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0221/ 221 26 165

www.museum-ludwig.de

Katalog (engl./dt.), Snoeck Verlag, Köln, 36 Euro

Quelle: wa.de

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