Das Museum Kunstpalast in Düsseldorf zeigt „Black & White“

Eine Welt in Grau: Die Installation „Das Haus des Sammlers“ (2016) von Hans Op de Beeck im Museum Kunstpalast. - Foto: dpa

DÜSSELDORF - Man tritt durch die grauen Schwingtüren, und die Welt hat alle Farbe verloren. „Das Haus des Sammlers“, eine Installation des belgischen Künstlers Hans Op de Beeck, ist ein prachtvoller Salon, durchzogen von einem Teich, auf dessen schwarzem Glasspiegel graue Seerosen treiben. Vor Kopf hat man eine üppige Bibliothek, doch keine Schrift verrät, welche Bücher in den Regalen stehen.

An den Wänden hängen graue Bilder, in Vitrinen stehen Skulpturen und Masken fremder Völker, alles grau. Allerdings ist die gespenstische Szene belebt, Kinder stehen herum, man sieht leere Flaschen und Mitnehm-Kaffeebecher, Aschenbecher voller Kippen, überall graues Obst: Bananen, Trauben, Brombeeren. Neben einem schlafenden Hund liegt ein Pizzakarton.

Die Installation am Ende der Ausstellung „Black & White“ im Museum Kunstpalast in Düsseldorf verzaubert die Besucher. Man fühlt sich in einer Parallelwelt. Man dämpft die Stimme, schon, um die leise Musik nicht zu stören. Einerseits wird pathetisch die Überlieferung der Kultur beschworen, sogar ein grauer Flügel steht da, mit aufgeklapptem Deckel. Andererseits geht man banalsten Interessen nach, überall liegen Mobiltelefone, Laptops, sogar Fußbälle. Ironie und Pathos verschmelzen, ohne die Magie zu stören.

Die Faszination einer Kunst, die der Farbigkeit beraubt wurde, ist sehr alt. Die Ausstellung, die Lelia Packer und Jennifer Sliwka für die National Gallery in London und in erweiterter Form für das Museum Kunstpalast erarbeitet haben, setzt sich erstmals mit der Geschichte der Malerei in Schwarz und Weiß auseinander. Rund 100 Werke sind zu sehen, darunter raumfüllende Installationen wie die von Op de Beeck, aber auch Gemälde von einigen der bekanntesten Meister der Kunstgeschichte wie Andrea Mantegna, Dürer, Rubens, Rembrandt, Picasso.

Die Kuratorinnen führen die Kunst in Schwarz und Weiß bis in die Antike zurück. Vom attischen Maler Apollodor aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. freilich ist kein Werk überliefert. Diese Kunstform dient besonderen Zwecken. Die ältesten überlieferten Bildwerke in Schwarz-Weiß stammen aus Klöstern und dienten dazu, die Andacht der Gläubigen zu unterstützen, indem die Reize der farbigen Welt ferngehalten wurden. Glasfenster aus Kirchen sind Beispiele dafür, wie ein Werk mit einem Frauenkopf, umgeben von Laubwerk und Lilien (1320–1324). Oft sollten illusionistische Effekte erzielt werden, zum Beispiel im Gemälde der „Einführung des Kultes der Kybele in Rom“ (1505/06), bei dem Andrea Mantegna den Eindruck eines Reliefs erweckt. Das ist ein altes Thema: der Wettstreit der Disziplinen. Zu sehen sind zwei Fassungen einer Kreuzabnahme, einmal ein Marmorrelief von Antonio d‘Este (nach 1800), daneben eine gemalte Fassung von Bernardo Nocchi (1800). Nur das Relief hat echtes Volumen. Aber betrachtet man das Tuch, auf dem der Leib Christi ruht, erweist sich die Malerei als überlegen in der Abbildung feinster Faltenfälle.

In der Darstellung der „Geburt Christi“ (um 1450) des Brügger Malers Petrus Christus hat die Farbigkeit eine inhaltliche Funktion: Das neutestamentliche Erscheinen des Erlösers wird abgegrenzt von den Szenen im Torbogen, die in Grau Episoden des Alten Testaments schildern wie den Sündenfall, die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies und und den Mord von Kain an Abel.

Viele Grafiker übertrugen die Bildwirkung von Radierungen und Stichen in Gemälde. Hendrik Goltzius zum Beispiel stellte 1606 das mythische Motiv „Ohne Bacchus und Ceres friert Venus“ dar, als Gemälde, mehr als zwei Meter hoch, ein Format, das im Kupferstich unmöglich war. Manche Meister nutzten die Malerei, um den Druckern eine ideale Vorlage zu bieten. Rembrandts war selbst ein virtuoser Drucker. In seiner detailliert ausgeführten Ölskizze „Ecce Homo“ gibt der Maler dem ausführenden Kollegen die Hell-Dunkel-Effekte vor. Ob das Jan van Vliet die Arbeit erleichterte? Seine Radierung hängt neben dem Bild des Meisters. Peter Paul Rubens schuf die Ölskizze eines Tellers mit der Darstellung der Geburt der Venus als Vorlage für einen Goldschmied. Die Grautöne machen die Details viel deutlicher.

Natürlich eignet sich Schwarz-Weiß besonders dazu, Licht und Schatten herauszustellen. Edgar Degas malte die „Ballettprobe auf der Bühne“ 1874 in einer farblosen Version und erreichte eine unvergleichliche Plastizität. Schwarz-Weiß ist aber auch ideal für Experimente. Jean-Siméon Chardins Gemälde einer Küchenmagd (1739) war so beliebt, dass es im Kupferstich reproduziert wurde. Den wiederum nahm Étienne Moulinneuf um 1770 als Vorlage für ein Gemälde. Man sieht den Stich unter einer zerbrochenen Glasscheibe. Das Bild selbst wird zum Bildmotiv, und der leichte Grünblau-Stich des gemalten Glases verleiht Moulinneufs Werk eine augentrügende Intensität. Modern wirkt auch Gustave Moreaus Gemälde „Diomedes wird von seinen Pferden zerfleischt“, in dem der Künstler bewusst weite Partien skizzenhaft stehen oder sogar die Grundierung frei ließ. Das Bild sollte unvollendet wirken.

Bis in die Moderne führt die Schau, widmet der Fotografie ein Kapitel und der Abstraktion mit faszinierenden Beispielen von Cy Twombly, Jackson Pollock, Jasper Johns und Josef Albers. Gerhard Richter hat dem Grau immer wieder Gemälde gewidmet. Es ist spannend zu sehen, dass sein Bild „Helga Matura mit Verlobtem“ (1966), das nach einem Illustriertenfoto entstand, in seiner Unschärfe einen Vorläufer hat, Eugène Carrières emotional aufgeladenes Bild „Maternité (Souffrance)“ (um 1896/97).

Am Ende steht ein Raum, den Ólafur Elíasson in Gelb getaucht hat. Das Licht strahlt so intensiv, dass es alle anderen Farben verschluckt. Die Besucher sehen sich nur noch in Grautönen.

Bis 15.7., di – so 11 -18, do bis 21 Uhr, Tel. 0211 / 566 42 100, www.smkp.de, Katalog, Hirmer Verlag, München, 39,90 Euro

Quelle: wa.de

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