Das Museum Küppersmühle zeigt das Werk von Karl Fred Dahmen

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Eine Landschaft, modelliert aus Farbe mit tiefen Einschnitten: Karl Fred Dahmens Gemälde „Tellurische Figur“ (1961) ist in Duisburg zu sehen.

DUISBURG - In den schweren Farblehm ist eine Art Kreuz geschrieben. Man fühlt sich vor dem Gemälde „Tellurische Figur“ (1961) von Karl Fred Dahmen wie vor der Luftaufnahme eines Wüstendorfs. Alles ist in einem Ockerton gehalten, Erdfarben, in die der Künstler ritzte und kratzte. Malen bedeutet hier formen, nicht eine Illusion zu schaffen, sondern etwas Greifbares. Ein Ding.

Zu sehen ist die „Tellurische Figur“ im Museum Küppersmühle in Duisburg. Das Haus richtet zusammen mit dem Leopold-Hoesch-Museum in Düren die bislang umfassendste Werkschau des Künstlers aus: „Karl Fred Dahmen. Das Prinzip Landschaft“. Der Künstler war zu Lebzeiten überaus erfolgreich, stellte 1959 bei der documenta 2 in Kassel aus, erhielt zahlreiche Preise, darunter den Karl-Ernst-Osthaus-Preis der Stadt Hagen. Nach seinem Tod allerdings geriet er in Vergessenheit. Er soll als einer der „Väter der deutschen Nachkriegsmoderne“ wieder ins Bewusstsein gerückt werden, betont Walter Smerling, Direktor des Museums Küppersmühle. Dabei soll gezeigt werden, dass er nicht einfach als Vertreter des Informel einzuordnen ist, sondern ein vielfältiges, überraschendes Werk hinterließ. In Duisburg sind 110 Werke zu sehen, Gemälde, Objektkästen und Skulpturen, während Düren 75 Grafiken und Fotos zeigt.

Karl Fred Dahmen (1917– 1981) war vor 1933 Schüler der Kunstgewerbeschule in Aachen, wo unter anderen Kurt Schwitters lehrte. 1933 wurde die Einrichtung geschlossen. Dahmen absolvierte eine Ausbildung zum Gebrauchsgrafiker, wurde 1938 zum Militärdienst eingezogen. Nach 1945 arbeitet er als freier Künstler, knüpft Kontakte nach Paris, stellt beim jungen westen in Recklinghausen aus und gründet u.a. mit Peter Brüning und Gerhard Hoehme die Düsseldorfer Gruppe 53. In dieser Zeit erprobt er Spielarten der abstrakten Malerei, zunächst Bilder, die aus geometrischen Strukturen komponiert sind, sogenannte „Stadtbilder“, weil man in ihnen architektonische Strukturen finden kann. Später gestaltet er Bilder wie die „Tellurische Figur“, bei denen die gesamte Fläche bearbeitet wird. Es gibt da Parallelen zum Werk Emil Schumachers, gerade auch in der schon fast reliefartigen Behandlung der Bildoberfläche, die eben nicht nur durch unterschiedliche Farben gestaltet ist, sondern durch Einschnitte, Ritze, Auswölbungen in den Raum ausgreift. Immer objektartiger werden Dahmes Werke, beim „Bild mit Kopfrolle“ (1964) ist zum Beispiel das Kissen auf die Fläche montiert.

Mitte der 1960er Jahre entwickelte er eine neue Kunstform, die Objektkästen. 1967 nahm er einen Lehrauftrag an der Akademie der Bildenden Künste in München an, wo er ein Jahr später zum Professor berufen wird. Er übersiedelte aus dem industriell geprägten Niederrhein in den ländlichen Chiemgau, was offenbar einen kulturschock auslöste.

Er malte nicht mehr auf glatter Leinwand, sondern kombinierte farbige Flächen mit Fundsachen, die er meistens auf Deponien fand: Schläuche, Autoscheinwerfer, Knochen, Elektroschrott. Schon seiner Malerei schreibt Kuratorin Ina Hesselmann einen „Hang zum Unschönen“ zu. Auch die Objektkästen mit ihren vernutzten, beschmutzten, beschädigten Bestandteilen sind oft nicht Augenschmeichler. Ihr Reiz liegt eher in der archaischen Energie, die Dahmen seinen Konstruktionen einfügt. Manche Arbeiten haben die Selbstverständlichkeit archäologischer Funde, nur eben sehen sie erkennbar modern aus. Es entstehen die Serien der „Galgenbilder“, die meistens weißgrundige Farbkissen mit Kordeln und Stricken kombinieren, und der „Chiemgaulegenden“, die oft grün sind. Hierbei handelt es sich, so Smerling, um Landschaften, mal winterliche, mal sommerlich. Dahmen verarbeitet viele alte Lederstücke, Gürtel und Taschen, Tierhaare, Knochen. Er entdeckt den Umgang des Menschen mit Nutztieren als Thema, die monumentale Installation „An die geschundene Kreatur“ (1972/74) zeigt eine Art Zuggestell mit dicken Seilen, in die ein Ackergaul zu denken ist. Die mehr als sechs Meter breite „Chiemgaulegende“ mit ihren herausquellenden Stricken erscheint nicht gerade als gemütlicher Ort. Manche Objektkästen offenbaren einen Doppelsinn, die „Maskuline Legende“ (1972) deutet einen Phallus an, bei der „Ländlichen Venus“ (1968) assoziiert man eine Vulva.

Nach mehreren USA-Reisen wendete sich Dahmen wieder der Malerei zu, die letzten großen Tafeln wirken wie bekritzelte Wände, mit zarten Einritzungen. Da hatte er sich von den Minimalisten und Farbfeldmalern inspirieren lassen.

1980 erlitt Dahmen einen Zusammenbruch, es wurden Hirntumore diagnostiziert. In Duisburg ist das letzte Gemälde ausgestellt, das er schuf.

In der Tat war Dahmen mehr als „nur“ ein informeller Maler, er wagte mehrmals einen kompletten Neustart. Und so kann man Arbeiten sehen, die mal an arte povera erinnern und mal an Fluxus, man erkundet ein Spannungsfeld zwischen Kounellis, Twombly, Agnes Martin. Ein wahrhaft weites Feld.

Eröffnung heute, 19 Uhr, mit Ministerpräsident Armin Laschet. Bis 5.11., mi 14 – 18, do – so 11 – 18 Uhr, Tel. 0203/301 94810, www.museum-kueppersmuehle. de, Katalog, Wienand Verlag, Köln, 34 Euro,

Düren 24.9.–26.11. www.leopoldhoeschmuseum.de

Quelle: wa.de

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