Das Museum Folkwang zeigt Farbfotografien von Joel Sternfeld

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„Mel McCombe, Nags Head, NC, July 1975“ aus einer Serie, die Sternfeld in North Carolina am Strand fotografierte. ▪

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN–Mel McCombe strahlt die Farben des Sommers aus. Das Bikini-Oberteil hat weiße Streifen auf der knusperbraunen Haut hinterlassen.

Die Sonnenhitze wird von dem Mädchen noch reflektiert, so frisch, direkt und intensiv ist die Fotografie von Joel Sternfeld. „Mel McCombe, Nags Head, NC, July 1975“ gehört zu einer Serie von Aufnahmen („Nags Head“, 1975), die der US-Künstler machte, um einen perfekten Sommer in North Carolina visuell zu skizzieren. Er wählte dafür einige Fotos aus, die ab Samstag im Essener Museum Folkwang zu sehen sind. Die frühen Arbeiten des US-Fotografen bilden den Schwerpunkt einer Überblicksausstellung mit insgesamt 130 Bildern, die dokumentieren, weshalb Sternfeld neben William Egglestone und Stephen Shore der namhafteste Vertreter der „New Colour Photography“ ist: „Joel Sternfeld – Farbfotografien seit 1970“.

Mel McCombes Pose erzählt wenig, aber die Farben ihrer Haut, die bunten Streifen ihres Kleids und die hellen Ringe unter ihren Augen lassen Sommer-Assoziationen zu. Es ist das erzählerische Moment der Farbfotografie, das hier zu sehen ist. Joel Sternfeld hatte ein Jahr zuvor in New Orleans eine Barszene abgelichtet, in der eine Musikbox violett leuchtet, die Rückwand dunkelrot glimmt und auf dem Tisch ein helles Rot schimmert. Nur am Rande ist ein Schwarzer in dem typischen Rauch gehüllt, der bei solchen Bar-Szenen erwartet wird. Ein Erzähl-Topos, den Sternfeld in der Fotografie „New Orleans, Louisianna (#1) 1974“ nur anreißt. Die Komposition des Bildes weist den Oberflächen und dem Inventar neue Rollen zu. Joel Sternfeld hatte erkannt, dass er Vorbilder der Schwarzweißfotografie nicht colorieren kann, wenn die Farbe eine neue Priorität erlangen sollte. Er folgte Stephen Shore, der forderte, dass jeder Farbfotograf eine eigene Palette entwickeln müsse – wie ein Maler vor der Staffelei. Später sollte sich Sternfeld von den leuchtenden Tönen abwenden, wie sie beispielsweise William Egglestone für seine poetischen Schnappschüsse in Szene setzte. In der Serie „American Prospects“ (1978–83), die ihn international bekannt machte, findet Sternfeld zu einer Tongebung, die mit ihren nuancierten Farbwerten eine Balance zum dramatischen Motiv schafft. Wie die Aufnahme des Space Shuttle, das 1979 in San Antonio, Texas, gelandet ist und zahlreiche Schaulustige anlockt. Sternfeld bleibt auf Distanz, so dass das Grau des Flugplatzes in seiner Fotografie die aufgeladene Erwartung an die neue Technik dämpft. Was würde Sternfeld heute fotografieren, nachdem die USA das Columbia-Programm eingestellt hat?

Die Ausstellung in Essen schwelgt in Sternfelds Farbkompositionen. Neben den kleinformatigen frühen Arbeiten (mit Kleinbildkamera), von denen 60 Aufnahmen gezeigt werden, öffenen einem die großformatigen C-Prints (mit 8x10 Standkamera) die US-Kultur. Für Ute Eskildsen, Leiterin der Fotografischen Sammlung, trifft Sternfeld das Charakteristische seines Landes, das er mit Ironie und Humor präsentiere. Sternfeld arbeite nicht appelativ, sagte Eskildsen.

Und doch gibt es ein Projekt unter den elfen, die in Essen ausgestellt werden, das in New York etwas bewegt hat. Sternfeld lief 2000/01 über die alte High Line, eine stillgelegte Bahnstrecke, die die Straßen New Yorks querte. Sein Fotobuch wurde Politikern gezeigt, die so bereit waren, Zugänge zu schaffen, damit die New Yorker auf dem High Line spazieren können. Heute sind die Strecken Touristenattraktionen. Das Fotobuch dazu druckte sein deutscher Verleger Gerhard Steidl, der ihm zugesagt hatte, alles zu publizieren, was er fotografiere. In Essen staunte Joel Sternfeld immer noch über diese Großzügigkeit. In den USA gebe es diese Tradition nicht, einem Künstler so zu folgen, sagte Sternfeld, der glücklich darüber ist, dass seine Fotografien in Deutschland ihre museale Europapremiere feiern. Nach der Essener Station geht die Schau noch nach Amsterdam, Berlin und Wien. Der Fotograf, der seine Liebe zur Farbe auch anhand der Studien des Malers Josef Albers und der Bauhaus-Theoretiker spezifizierte, war in Essen ausgesprochen freundlich. Ihm gefällt es, dass Deutschland in Umweltfragen eine Führungsrolle übernommen hat, sagte er. Die Zukunft unseres blauen Planeten mache ihm Sorgen.

Sternfeld hatte aufgrund seiner frühen Fotos zwei Guggenheim-Stipendien (1978/82) erhalten, so dass er zehn Jahre auf Reisen gehen konnte, um sein Amerika abzulichten. In der Serie „Stranger Passing“ zeigt er Typen, die zu einem Gesellschaftsporträt werden – wie einst August Sander, der im Deutschland der 20er eine Bestandaufnahme machte. In „On This Side“ (1993–96) und „Sweet Earth“ (1993– 2005) dokumentiert Sternfeld, was Farbfotografie heute sein muss: Konzept. Zum einen erinnern die Bilder an Orte, wo Gewalt verübt wurde, und zum anderen an Orte, wo die Hinwendung zur Natur das einfache Leben verbesserte. Im Zeitalter von Handy und Smartphone weiß Sternfeld: „Fotografieren kann jeder, man muss mehr tun.“

Joel Sternfeld – Farbfotografien seit 1970 im Museum Folkwang Essen. Eröffnung heute 19 Uhr, Sternfeld ist anwesend. Am Samstag, 16.7., macht Sternfeld um 15 Uhr eine Führung. Bis 23.10.; di-so 10 – 18, fr bis 22.30 Uhr. Tel. 0201 / 8845 444;

http://www.museum-folkwang.de

Katalog „First Pictures“, Steidl-Verlag, Göttingen, 38 Euro

Quelle: wa.de

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