Museum Folkwang zeigt Edvard Munchs „Mädchen auf der Brücke“

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Eins der bekanntesten Motive des norwegischen Malers kommt aus Oslo nach Essen: Edvard Munch: „Die Mädchen auf der Brücke“ (1927).

ESSEN - Wie einen Farbakkord lässt Edvard Munch die weiten Sommerkleider der „Mädchen auf der Brücke“ aufblitzen. Weiß, rot, weiß, mit einem gelben Tupfer, das mittlere Mädchen trägt einen Strohhut. Man sieht nur die Rücken, die drei lehnen am Geländer und blicken auf das Wasser. Der norwegische Maler rückt den Betrachter ganz nah ans Geschehen: Das Geländer scheint vorn aus dem Rahmen zu springen.

Das Bild ist die Fassung eines der berühmtesten Motive des Künstlers (1863–1944). Über fast 30 Jahre hinweg schuf er immer neue Variationen der Mädchen, manchmal wendet sich eine zum Betrachter. Vor zwei Jahren wurde eine Fassung für umgerechnet rund 50 Millionen Dollar bei Sotheby‘s in New York versteigert. Das Folkwang Museum Essen zeigt jetzt eine der spätesten Versionen aus dem Jahr 1927 in einer exquisiten Studio-Ausstellung und startet damit ein neues Ausstellungsformat. „Die Mädchen auf der Brücke“ sind eine Leihgabe des Munch-museet in Oslo. Das hatte sich aus Essen ein Werk von Paul Gauguin geborgt für eine Ausstellung über das Verhältnis des französischen Malers zu seinem Kollegen. Die Essener nutzten die Chance, nach einem Hauptwerk Munchs zu fragen.

Es geht bei der Reihe „Meisterwerke zu Gast“ aber nicht darum, einfach mit großen Namen zu glänzen. Munchs Werk wird in Essen in Beziehung gesetzt zur eigenen Sammlung. Immerhin drei Gemälde, ein Aquarell und 27 Grafikblätter besitzt das Folkwang Museum. Ein Großteil dieses schönen Bestands kann man nun sehen, eine seltene Chance, denn die empfindlichen Arbeiten auf Papier hängen nur selten. Auch die große Munch-Ausstellung 1987 war nur mit Gemälden bestückt. Dabei kann man hier Arbeiten begegnen, die noch Karl Ernst Osthaus selbst vom Künstler angekauft hat.

Die „Mädchen auf der Brücke“ gehören zu den heitersten Werken Munchs, die Szene hat er am Badeort Asgardstrand in der Nähe Oslos beobachtet. Kurator Tobias Burg stellt klar, dass der Titel eigentlich falsch ist: Die Mädchen stehen in Wirklichkeit auf dem Pier. Ihr Ausschau-Halten bekommt dadurch eine andere Bedeutung, vielleicht warten sie auf jemanden, vielleicht haben sie Fernweh. Munch hat für sein Motiv die Realität verändert, sagt Burg. Tatsächlich war der Asgardstrand im Sommer nie so menschenleer wie auf dem Bild. Die Isolation der Gruppe aber gibt dem Kunstwerk seine besondere Stimmung.

Die Ausstellung knüpft gerade hier an, „Sehnsucht und Erwartung“ ist sie überschrieben. Burg hat nicht einfach den kompletten Bestand gehängt, sondern Schlüsselmotive. Die erste Ausstellung des Norwegers in Deutschland, 1892 in Berlin, endete vorzeitig mit einem Skandal, weil er eben nicht die Erwartungen bediente etwa nach skandinavischen Landschaften. Er setzte psychologische Spannungen in seine Bilder. Das können glückliche Momente sein wie bei der intimen Radierung „Der Kuss“ (1895), wo sich ein nacktes Paar am Fenster umarmt. Oder er feiert das Leben wie in der Farblithografie „Madonna“ (1895/1902), wo er die Empfängnis thematisiert. Aber auch das Zehrende der Liebe kann Thema werden wie bei „Vampir II“ (1895), wo die Frau den Mann in den Nacken beißt. Aber Munch stellt noch viel schmerzhaftere Stimmungen dar, zum Beispiel in der Farblithografie „Angst“ (1896), die dem Betrachter eine Menschenmenge gegenüberstellt mit geweiteten, leeren Augen. Die Szene erinnert an moderne Zombie-Filme. „Am Totenbett“ (1896) zeigt einen Sterbenden. In den Schraffuren über ihm erscheinen Gesichter, unbemerkt von den Angehörigen. Und das bestürzende Blatt „Erbschaft“ (um 1916) zeigt eine Frau mit einem kranken, völlig verhärmten Kind.

Innovativ war Munch beim Farbholzschnitt: Er zersägte die Druckplatte und färbte die Stücke unterschiedlich ein. So gelangen ihm klare Konturen. Bei dem Blatt „Frauen am Meeresufer“ (1898) kann man die Sägelinie zwischen Wasser und Land klar erkennen.

Drei Gemälde besitzt das Folkwang Museum. „Zwei Menschen. Die Einsamen“ (1906-1907) entstand ebenfalls am Asgardstrand. Man sieht ein Paar von hinten, Mann und Frau stehen beisammen, aber doch isoliert, ohne Kommunikation miteinander. Eine ganz andere Malweise prägt „Jugend“ (1910), einen fast lebensgroßen Männerakt. Hier ließ Munch weite Teile der grundierten Leinwand unbemalt, das Bild wirkt roh, skizzenhaft und sehr kraftvoll. Auch die Landschaft in „Sternennacht“ (1900-01) erscheint beseelt, überaus effektvoll ist der Kontrast zwischen der leuchtenden Schneedecke, den Bäumen und dem dahinter aufgehellten Himmel.

Bis 22.4., di – so 10 – 18, do, fr bis 20 Uhr, Tel. 0201/ 88 45 000, www.museum-folkwang.de, Katalog 10 Euro

Quelle: wa.de

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