Museum Folkwang zeigt Balthasar Burkhards Fotografie

Eine Megacity, unübersichtlich, aber strukturiert: Balthasar Burkhard fotografiert „Mexico City (Vulkan)“ 1999, zu sehen in Essen. - Fotos: ©Estate Balthasar Burkhard

ESSEN So weit das Auge reicht – vor Balthasar Burkhard liegt Mexico City, eine Acht-Millionen-Stadt, die der Fotograf 1999 aus dem Flugzeug ablichtete. Burkhard war längst ein international angesehener Foto-Künstler (1944–2010), der mit seinen unterschiedlichen Projekten neue Kapitel der Fotokunst aufschlug. Mexico City wird als gigantomanische Stadtlandschaft gezeigt, die sich gegen natürliche Barrieren wie einen Vulkan ausbreitet. Das Raster aus Straßen ist eine erkennbare Struktur.

Die Dunstglocke darüber erschient als Fanal der Umweltprobleme des urbanen Molochs. Und Burkhards Schwarzweiß-Fotografie, die er Zeit seines Lebens favorisierte, erspürt mit ihrem Grau-in-Grau-Spektrum das Bedrohliche dieser Zivilisationsunordnung.

Im Essener Museum Folkwang sind nicht nur Beispiele für Burkhards Megacities wie Los Angeles, Tokio und London zu sehen, sondern das ganze Werk des Schweizer Fotokünstlers. Es ist seine erste große Einzelausstellung in Deutschland. Bereits 2012 hatten sich Folkwang-Direktor Tobia Bezzola und Florian Ebner, Leiter der Fotografischen Sammlung, abgestimmt. Nun wird ein prozessualer Verlauf museal nachgebildet, der posthum belegt, wie Balthasar Burkhard zum Fotografen und Fotokünstler wurde. Die Ausstellung geht über eine biografisch zu fassende Leistung hinaus. Burkhard half tatsächlich seit Ende der 60er Jahre mit, die Fotografie zur Kunstform zu erheben. Dabei streicht die Schau in Essen, die Florian Ebner kuratierte, die Initiativen Burkhards heraus.

Gleich zu Beginn im Museum Folkwang sind zehn übergroße Fototafeln zu sehen, die behaarte Männerknie zeigen. Dass diese Bilder 1983 in der Baseler Kunsthalle zwischen Pilastern präsentiert wurden, ist hier nicht zu erkennen. Aber Ebner möchte zumindestens „eine Idee geben“, wie die menschlichen „Fragmente“ im Monumentalen der Architektur gewirkt haben. Es war Burkhards Ziel, das fotografische Bild aus der konventionellen Indienstnahme der reinen Abbildung in eine künstlerische Dimension zu übertragen. In diesem Fall in eine dreidimensionale, skulpturale Größenordnung. Die Knie wirken plastisch, auch weil die motivische Vergrößerung von Haare und Haut ein Volumen erschafft. Auch Fotografien wie „Füße 01“ (1980) gehören in diese Emanzipationsphase.

So gesehen ist „Balthasar Burkhard“ eine historische Ausstellung und gleichzeitig eine konservatorische Herausforderung. Burkhards innovative Arbeiten sind nicht mehr so verfügbar. „Das Bett“ ist eine Bild, das auf eine lichtempfindliche Leinwand projiziert wurde, deren Emulsion über die Jahrzehnte immer härter wurde. In Essen ist eine Variante von 1969 zu sehen, die als installatives Objekt in den Museumsraum hineinragt. Von „Der Vorhang“ (1970), das er ebenfalls im Amsterdamer Atelier seines Freundes Markus Raetz aufnahm, lässt sich nur noch eine visualisierte Installationsansicht in Essen zeigen, kein Original.

Bevor Burkhard den Schritt machte, als Fotokünstler zu arbeiten, war er mit dem provokanten Ausstellungsmacher Harald Szeemann unterwegs. Burkhards Fototagebücher aus der Zeit werden ausgestellt, er porträtierte die lebhafte Berner Künstlerszene, er lichtete die Künstlerin Esther Altorfer mit ihren nuancierten Gesichtsbemalungen ab und setzte auf seine Landschaftsfotografie 1969 eine grünstrahlende Neonröhre. In Essen sind Teile der Ausstellung „When Attitudes become form“ zusehen, an der Szeemann, Raetz und Frédéric Schnyder beteiligt waren. Burkhard ließ die Zeit hinter sich, als er noch als „Hoffotograf Szeemanns“ galt. Er fotografierte Auftritte und Performances und erweitere so die Fotografie zu einem neuen künstlerischen Prozess. Performance, Fluxus-Kunst und Happening wurden in dokumentarischen Bildern neu wahrgenommen.

1972 fotografierte Burkhard die documenta 5, die Szeemann kuratierte. In Essen ist ein herrliches Wandbild zu sehen, das Szeemann inmitten seiner Künstler auf einem derben Holzsessel zeigt, dem dionysischen Rausch der Kunst verfallen. Andere Bilder zeigen beispielsweise Kurator Kaspar König und Pop-Art-Künstler Claes Oldenburg. Hier wird der Zeitbezug von Balthasar Burkhards Arbeit deutlich.

Angefangen hatte der Schweizer Künstler mit einer Kamera, die sein Vater ihm gab, als der Achtjährige einen Schulausflug machte – 1952. Mit einer Lehre beim Fotografen Kurt Blum übte er sich in der humanistischen Fotografie, die die Nachkriegszeit bestimmte. Damals wurde der Mensch in seiner Lebenswelt entdeckt. Die Bilder waren oft in Buchform publiziert. Die Reihen „Das Klassenzimmer“ (1962) und „Die Alp“ (1963) sind in Essen zu sehen. Später kamen porträtierte Orte wie soziale Hotspots hinzu, zum Beispiel die „Londonbar“ (1964/65).

Im Museum Folkwang ist das Hauptthema aber die Selbsterfindung eines Fotokünstlers. Burkhards US-Recherchereise 1972 mit Jean-Christophe Ammann (1939–2015) war so ein Quantensprung. Mit dem Kunsthistoriker und Kurator betrat er Neuland. Ihn inspirierten die Staaten. Von 1975 bis 1978 war er Dozent für Fotografie in Chicago. Ein Vortrag von 1976 ist als Skript mit Dias erhalten, so dass in Essen ein eingesprochenes Video präsentiert werden kann: Burkhards fotografische Arbeitsweise wird erläutert.

Ausgestelllt sind aus der Zeit die Original-Fotoleinwand „Backseat“ (1977) und „TV Chicago“. Es sind soeben verlassene Räume. Vor dem Fernseher liegen Zeitungen, ein Glas, Zigaretten, Aschenbecher, ein Stuhl und eine Jacke sind zu sehen. 1977 fand in der Zolla Lieberman Gallery Burkhards erste Einzelausstellung statt. Die Kleinbildfotos von drei Rollerskatern aus einer Disco in Chicago hatte er zu einer Fototapete vergrößert. In Essen wirken die Rekonstruktionen aus Polaroids ungemein lebensnah.

Größe sollte Burkhards Thema werden. Mit dieser Methode wollte er abstrahieren und reduzieren. Seine Selbstbildnisse übertrug er mit Hilfe des Objektkünstlers Thomas Kovachevich zu Fotoleinwänden. Er machte sich zu einem Gegenstand der Kunst. Später werden Tierbilder, Architekturen, Malereiklassiker (Gustave Courbet) und historische Fotoverfahren sein Sujet. Burkhard entdeckte immer etwas Neues – sich selbst.

Die Schau

Die Entdeckung eines ungemein vielfältigen kunstfotografischen Werks, das in Deutschland noch nicht gezeigt wurde.

Balthasar Burkhard im Essener Museum Folkwang.

Bis 14. 1. 2018; di, mi 10 – 18 Uhr, do, fr 10 – 20 Uhr, sa, so 10 – 18 Uhr, Feiertage 10 – 18 Uhr; Katalog 28 Euro, Steidl Verlag; Tel. 0201/ 8845 444;

www.museum-folkwang.de

Quelle: wa.de

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