Das Museum Folkwang zeigt Arbeiten von Taryn Simon

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Taryn Simons Aufnahme aus der Serie „The Innocents“ ist in Essen zu sehen: Larry Mayes Ort der Festnahme, The Royal Inn, Gary, Indiana Die Polizei fand Mayes, wie er sich in diesem Raum unter einer Matratze versteckte. Er verbüßte 18,5 Jahre von einer 80-jährige Haftstrafe wegen Vergewaltigung, Raub und unrechtmäßiges, abnormes Verhalten. (2002)

Von Ralf Stiftel ESSEN - Ängstlich blickt der Mann unter der fleckigen Matratze in einem heruntergekommenen Schlafzimmer hervor. Larry Mayes wurde so von der Polizei gefasst: Versteckt wie ein Kind. 18,5 Jahre Haft verbüßte der Mann, ehe er freikam. Verurteilt war er zu 80 Jahren, wegen Raubüberfalls und Vergewaltigung. Larry Mayes war unschuldig. Erst die Nachwuchsjuristen vom „Innocence Project“ bewiesen mit moderner DNA-Analyse, dass Mayes nicht der Täter war. Taryn Simon hat ihn fotografiert für ihre Serie „The Innocents“.

Diese und weitere Arbeiten der US-Künstlerin sind in der Ausstellung „There Are Some Who Are In Darkness“ im Essener Museum Folkwang zu sehen. Taryn Simon, geboren 1975 in New York, gehört zu den wichtigsten jungen Fotografen. Ihre Projekte wurden im Museum of Modern Art in New York ausgestellt, in der Tate Modern London und auf der Biennale in Venedig. In Essen hat sie selbst eine Art Mikro-Retrospektive zusammengestellt mit Werken aus der Sammlung Olbricht. Drei Projekte sind im Folkwang dokumentiert, darunter die „Innocents“. Mit dieser Arbeit aus dem Jahr 2002 wurde sie international bekannt.

Wie bei allen ihren Projekten geht es um ein Wechselspiel zwischen Bildern und Texten. Zu jedem Porträt eines Mannes, der unschuldig für ein Kapitalverbrechen verurteilt wurde, gibt sie eine Erläuterung. Name, Ort des Fotos, Strafe und vermeintliche Tat. Sechs Aufnahmen sind in Essen zu sehen, und sie vermitteln viel über das Rechtssystem der USA.

Das zweite Projekt Simons ist der „American Index Of the Hidden and Unfamiliar“. Die Künstlerin erläutert, dass zu der Zeit, in der die USA jenseits ihrer Grenzen das Verborgene aufdecken, sie enthülle, was innerhalb der Grenzen der Wahrnehmung entzogen sei. Diese Suche nach der Wahrheit bildet ein zentrales Motiv in Simons Arbeit, das auch im Ausstellungstitel anklingt, einer Zeile aus Brechts Mackie-Messer-Moritat. Hier sieht man den Hoh Nationalpark bei Washington, die Version des Regenwalds in gemäßigten Zonen. Man sieht geschredderten und mit Mikrowellen sterilisierten medizinischen Sondermüll, von dem in den USA bis zu einer Million Tonnen jährlich produziert werden. Man sieht einen Film über den Test eines Sprengkopfs auf der Eglin Air Force Base in Florida. Und man sieht nichts von den unterirdischen Versorgungs- und Betriebsräumen von Disney World. Nur ein Zitat aus dem Absagebrief, in dem Disney mitteilt, man müsse die „bedeutende Fantasiewelt“, in die die Besucher flüchten können, schützen. Das sei besser als jedes Foto, das sie hätte machen können, sagt Taryn Simon dazu.

Die komplexeste Werkgruppe ist „A Living Man Declared Dead And Other Chapters“ (2008-2011), die mit sechs Beispielen vorgestellt wird. Den Titel hat sie von den „lebenden Toten“ in Indien. Verwandte hatten Shivdure Yadav für tot erklären lassen, um an sein Erbteil am väterlichen Grundbesitz zu gelangen. Die korrupten Behörden ließen sich nicht dazu bewegen, den offensichtlichen Fehler zu korrigieren. Simon zeigt in der dreiteiligen Arbeit den Stammbaum von Yadavs Familie in Einzelporträts. Manche Bildstellen blieben leer, weil die Person Nachteile fürchtete, wenn sie mitmacht. Manche Bilder wurden verpixelt. Es folgt eine Texttafel mit persönlichen Daten zu jedem Porträt. Schließlich gibt es „Fußnoten“, Bilder und Dokumente, die die Geschichte vertiefen, wie ein Brief der „lebenden Toten“ an die Behörden.

Die Arbeit führt den Betrachter, der sich auf sie einlässt, sehr nah an ferne Fremde heran. Und sie funktioniert bei sehr verschiedenen Themen. Simon porträtierte die Familie Mehic, bosnische Muslime aus Srebrenica, wobei die Familienmitglieder, die 1995 beim Massaker durch serbische Truppen umkamen, durch die Zahn- und Knochenreste aus einem Massengrab vertreten sind.

Selbst die Installation mit Kaninchenfotos ist alles andere als niedlich. Man sieht Versuchstiere aus Australien, die mit Viren infiziert wurden. Kaninchen wurden bei der Kolonisation auf den Kontinent gebracht und richten enormen Schaden an. Die Behörden versuchen, die Tiere mit Infektionen auszurotten – aber einige entwickelten Resistenzen.

Sie erkunde das Chaos in diesen Arbeiten, sagt Taryn Simon. Ihre strengen Reihen mit kleinformatigen Porträts wirken wie ein Versuch, dem Schicksal zu trotzen. Das Unrecht, der Unfall kennen keine Ordnung. Sie reißen Lücken der Angst oder des Todes in Porträtserien. Die Künstlerin aber fesselt mit Arbeiten von Orten, an denen die Wahrheit schmerzt.

Taryn Simon: There Are Some Who Are In Darkness im Museum Folkwang in Essen.

Bis 2.3.2014,

di – so 10 – 18, fr bis 22.30 Uhr, Tel. 0201/ 88 45 444,

www.museum-folkwang.de

Quelle: wa.de

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