Kunstkreise um das Spiegelei

Museum Folkwang und Villa Hügel präsentieren „2x Kippenberger“

Kreisen um das Spiegelei: Blick in Martin Kippenbergers Ausstellung „The Happy End of Kafka’s ,Amerika’“ im Museum Folkwang in Essen.
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Kreisen um das Spiegelei: Blick in Martin Kippenbergers Ausstellung „The Happy End of Kafka’s ,Amerika’“ im Museum Folkwang in Essen.

Dieses Wimmelbild verdreht einem den Kopf: Eine Halle voller Tische und Stühle. Man weiß nicht, wohin man zuerst schauen soll.

Essen – Vielleicht auf das Karussell, bei dem zwei Schleudersitze mit aufmontierten Regenschirmen um ein gewaltiges Spiegelei rotieren. Das hat in seiner Absurdität schon Witz auf den ersten Blick. Aber es ist zugleich ein Gleichnis auf die Existenz des Künstlers, der um sich selbst kreist in seiner Produktion und für Absicherung dankbar wäre. Aber wie der arme Poet bei Carl Spitzweg sitzt er nur unter einem fragilen Schirm.

Martin Kippenberger (1953–1997) setzte immer noch einen drauf: Das Ei hatte er als Markenzeichen angenommen, nannte sich den „Eiermann“. So ist dieses Detail der Ausstellung „The Happy End of Franz Kafka‘s ,Amerika‘“ sozusagen mit einer Signatur versehen.

Endlich ist dieses Hauptwerk Kippenbergers im Museum Folkwang in Essen zu besichtigen. Fertig ist die Ausstellung seit Wochen. Coronabedingt war sie nicht zugänglich. Das Museum und die Villa Hügel feiern den in Dortmund geborenen, in Essen aufgewachsenen Sohn eines Zechendirektors und einer Ärztin doppelt: „2x Kippenberger“.

Der Künstler ist bekannt für Provokationen. Ein Punk, der schon mal einen professionellen Plakatmaler anheuerte: „Lieber Maler, male mir“. Bei einer ersten Gruppenausstellung im Folkwang mit Kollegen benahm er sich wie ein Rockstar. Ein Foto, auf dem er den Kopf in die Toilette steckte, wurde später zum Plakatmotiv. Am Kafka-Werk, das 1994 im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam entstand, hat er jahrelang gearbeitet. Er schließt darin Kafkas Romanfragment ab, in dem der junge Auswanderer Karl Roßmann ein Werbeplakat findet mit dem Aufruf: „Jeder ist willkommen! Wer Künstler werden will, melde sich!“ Im Buch stellen sich die Kandidaten auf einer Pferderennbahn vor. Kippenberger verlegt das Geschehen auf einen Fußballplatz, gestaucht auf 20 mal 23 Meter Fläche. 50 Ensembles aus Tischen mit jeweils zwei Stühlen finden sich hier zwischen zwei Zuschauertribünen, gedacht für Bewerbungsgespräche. Das chaotische Arrangement liest man heute anders, vielleicht denkt man an die Aufnahmezentren in der Flüchtlingskrise 2015 , als zunächst ja auch alle willkommen waren. Der Essener Museumsdirektor Peter Gorschlüter erkennt eine ungeplante Aktualität in dem Werk, das um Fremdheit und Bürokratie kreist. Es geht auch um Wettstreit und Konkurrenz: Auf diesem Platz muss man sich behaupten.

Kippenberger kombinierte eigene Entwürfe mit Fundsachen vom Sperrmüll, Designklassikern wie dem Thonet-Stuhl, Kunstwerken von Kollegen wie einem silbernen Wachturm, ein Motiv aus Gemälden Sigmar Polkes. Auf zwei Fernsehern läuft ein Film von Angela Anderson, man hört Popmusik der 1980er Jahre, Sprachfetzen. Jedes Ensemble erzählt Geschichten, einige erschließt ein praktisches Faltblatt. Führungen gibt es nicht, aber die Besucher finden Ansprechpartner.

Ein Schreibtisch zum Beispiel hat Ausziehfächer, aus denen Gemälde von Kippenberger ein wenig vorstehen, so dass man die Darstellung eines Mannes erkennt, der an einen Panzer pinkelt. Man sieht den nachgebauten Schreibtisch, an dem Robert Musil seinen Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ geschrieben hat, einen weiteren berühmten unvollendeten Text der Weltliteratur. Auf den Tisch hat Kippenberger eine Vase aus Wurzelholz gestellt, deren zerklüftete Seite ihn an ein deformiertes Gesicht erinnerten – ein Mann ohne Eigenschaften.

Einen Schreibtisch hat er gekippt. Auf die Unterseite der Schreibplatte montierte er 57 Aschenbecher, die er in Hotels mitgehen ließ. Auf einem Tisch steht eine Videoarbeit seines Kollegen Tony Oursler mit Gläsern mit präparierten Tierorganen. Auf zwei projiziert Oursler Filme von sprechenden menschlichen Mündern. Ein weiteres Ensemble besteht aus einem Stapel Spanplatten. Die dienten 1987 beim Besuch von Papst Johannes Paul II. in Köln dazu, den Rasen im Müngersdorfer Stadion zu schützen. Für Kippenberger waren die Tische geweiht. Auf die Stühle platzierte er zwei Wasserwächter, Kultfiguren aus Bali, für einen Dialog der Religionen.

Einige Möbel stammen aus der Essener Villa Hügel, eine Reminiszenz an ein Projekt von 1996 mit dem Titel „Vergessene Einrichtungsprobleme in der Villa Hügel“. Was könnte besser passen, als Kippenberger unter diesem Titel an diesen Ort zu bringen? Mit Hilfe der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung hat das Museum eine der umfangreichsten Sammlungen der Bücher und Plakate aufgebaut. Nun kann man im historischen Ambiente diese Werkbereiche erkunden. Rund 100 Plakate zeugen vom Bildwitz des Künstlers. Er nutzt Ausstellungsankündigungen zur Selbstdarstellung und lässt keine Provokation oder Peinlichkeit aus, etwa wenn er sich 1989 mit Sonnenbrand für eine Ausstellung in Sevilla fotografieren lässt.

Die 120 Künstlerbücher werden in der Bibliothek der Villa Hügel präsentiert, die meisten stehen in historischen Bücherschränken vor alten Beständen. Da gibt es einen irritierenden Zusammenstoß, wenn sein Buch „Vom Jugendstil zum Freistiel“ vor einem vielbändigen alten Handbuch der Kunstgeschichte steht. Er ironisierte bestehende populäre Gestaltungen. So ist sein „1984. Wie es wirklich war am Beispiel Knokke“ einem gelben Reclam-Band nachempfunden. Eine Brasilien-Reise schlug sich im Projekt „Endlich“ nieder, ein Heft enthält die Ergebnisse von 224 Mau-Mau-Spielen. Im auf Theorie spezialisierten Merve-Verlag erschien der Band „Frauen“, der nur Fotos enthielt von Frauen, denen der Künstler begegnet war. Und er fand frappierende Formulierungen wie „Jetzt geh ich in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald.“

Besuch nur mit Vorab-Buchung eines Zeitfensters; Bis 16.5., Museum Folkwang di – so 10 – 18, do, fr bis 20 Uhr, Villa Hügel di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0201 / 8845 444 oder 6162 917; www.museum-folkwang.de; www.villa-huegel.de; Katalog The Happy End of Franz Kafka‘s „Amerika“ in Vorbereitung, Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln

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