Das Museum Folkwang stellt den italienischen Fotopionier Luigi Ghirri vor

Wie ein Ausstellungsstück wirkt der Tankwart in Luigi Ghirris Foto „Modena“ (1973).

ESSEN - Luigi Ghirris Fotografien irritieren beim ersten Betrachten, weil sie so belanglos erscheinen. Da ist eine Tankstelle im Stadtraum. Links sieht man eine Zapfsäule, daneben das Kassenhäuschen, in der ein Mann liest, während zu seinen Füßen ein Hund liegt. Hinter einer großen Scheibe sieht er aus wie ein Ausstellungsstück. Die Bude zieht einen Rahmen um das Arrangement aus Mann, Hund, Regalen, Öldosen. Zwei ästhetische Welten stoßen aufeinander, die funktionale Architektur der Tankstelle und die triste, etwas abgenutzte, ockerfarbene Fassade dahinter.

Je länger man diese unscheinbaren Fotos betrachtet, desto mehr Fragen stellen sie. Gelegenheit dazu hat man in der Ausstellung „Karte und Gebiet“ im Museum Folkwang in Essen. Es präsentiert die erste Werkschau außerhalb Italiens von Ghirri (1943–1992), der heute zu den Pionieren der Farbfotografie in Europa gezählt wird. Rund 300 Aufnahmen sind ausgestellt, das Museum Folkwang arbeitete mit dem Museo Reina Sofia in Madrid und der Galerie Jeu de Paume in Paris zusammen, die die Schau übernehmen.

Die klassischen Erwartungen an „schöne Fotos“ muss man hier freilich ausblenden. An den besonderen Augenblick eines Cartier-Bresson zum Beispiel dachte Ghirri nicht. Der gelernte Landvermesser ging als Konzeptkünstler ans Werk, er nahm die Fotografie als Handwerkszeug wie ein Amateur, brachte seine Filme ins Labor und holte die Abzüge Tage später ab, ganz wie ein Urlaubsheimkehrer.

Und doch war er ein Revolutionär, weil er der Fotografie neue Themen und Motive erschloss. Seine Bilder sind fast nur in Serien gedacht, so machte er ein Jahr lang täglich eine Aufnahme des Himmels. Er durchstreifte seine Heimatstadt Modena auf der Suche nach Themen. Dabei beschäftigte ihn der Umstand, dass es eigentlich keine reine Landschaft mehr gibt, sondern dass vorgefertigte Bilder in den Außenraum eindringen. Werbung erobert das städtische Umfeld und entfaltet beim Passanten eine betäubende Wirkung. Und so fotografierte Ghirri oft schon vorhandene Fotografien, zeigt ein junges schlafendes Paar, und nur die Klebefalten im Papier und das Blattwerk einer Hecke dahinter entlarven die Aufnahme als Detail eines Plakats.

Ghirri betrieb sozusagen Meta-Fotografie, er schob verschiedene Abbildungs- und Realitätsebenen in einer Aufnahme übereinander. Die vier Frauen, die in „Salzburg“ (1971) anscheinend eine überwältigende Bergwelt bestaunen, werden dem Betrachter, der ihnen über die Schulter blickt, fremd. Denn die Naturschönheit ist beschriftet. Tatsächlich stehen die Frauen vor einer Karte der Alpen. Und die älteren Herrschaften, die sich in „Engelberg“ (1972) scheinbar vor rauschenden Wasserfällen die Beine vertreten, sind vor einem Werbeplakat für Limonade unterwegs. Solche künstlichen Weltentwürfe fand er auch auf dem Jahrmarkt oder in einem Freizeitpark mit Miniaturnachbauten von Sehenswürdigkeiten wie dem Eiffelturm, der auf einmal geschrumpft auf einer Wiese steht.

Ghirri feiert in seinen Aufnahmen oft die Leere. So zeigt er eine öde Straße, gesäumt von Häuserzeilen, und auf dem schmalen Bürgersteig schreitet ein Paar voran. Aber sie sind kaum Dekor am Rande des breiten grauen Asphaltbands, das den Blick einnimmt. Öde Orte wie verlassene Spielplätze macht Ghirri zu Projektionsorten der Vorstellung. Was ist in dem Haus geschehen, vor dem ein weißes Auto parkt? In „Modena 1973“ schafft eine Reihe von schmalen Bäumen eine Horizontlinie. Er fotografiert durch Scheiben, Zäune, Gitter und schafft visuelle Barrieren zwischen dem Betrachter und dem Motiv. Der Blick auf eine Wohnsiedlung führt durch einen Zaun, was dem Bild (Scandiano 1971) einen Rastereffekt verleiht, der durch einen Ausschnitt im Zaun noch verstärkt wird.

Oder er sieht Menschen zu, die mit dem Fotoapparat hantieren, fotografierte Fotografen. Schon in diesen Serien der 1970er Jahre, lange vor der Erfindung des Smartphones, verdeutlicht er, wie das Fotografiertwerden die Haltung von Menschen verändert. Oder er zeigt in „Brest“ (1972) die irritierend unscharfe Rückenansicht einer Frau. Nah einer Weile realisiert man, dass Ghirri durch eine Milchglasscheibe fotografierte, und nur die Hand der sich abstützenden Frau ist wirklich scharf – eine wunderbare Erinnerung, wie trügerisch doch Wahrnehmung sein kann.

Bis 22.7., di – so 10 – 18, do, fr bis 20 Uhr, Tel. 0201 / 88 45 000, www.museum-folkwang.de

Katalog 45 Euro

Quelle: wa.de

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