Museum Bochum zeigt Bilder von Charlotte Salomon

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Eine eigenwillige Künstlerin: Charlotte Salomon malte ihr Selbstporträt 1940, drei Jahre vor ihrem Tod.

Von Marion Gay BOCHUM - „Leben? oder Theater?“ prangt wie ein Tattoo auf dem Rücken der braungebrannten Frau. Lässig sitzt sie im Sand, vor ihr das Meer und ein blauer Himmel. Es ist das letzte Blatt der rund 800 Seiten umfassenden Bildergeschichte von Charlotte Salomon (1917–1943). Ein bisschen melancholisch, vor allem aber sommerlich leicht scheint sie zu enden, die große Familiengeschichte rund um die junge Charlotte Kann, wie sie im Werk heißt. Da hat man noch keine Ahnung, wie schrecklich alles ausgeht, in Wirklichkeit.

Das Kunstmuseum Bochum zeigt rund 250 Bilder aus dem beeindruckenden Werk der Berliner Künstlerin. Die Gouachen sind Leihgaben aus dem Jüdischen Museum Amsterdam. Mit vielen Künstlern, die wegen ihrer jüdischen Abstammung von den Nationalsozialisten umgebracht wurden, unterliegt auch Salomons Arbeit der Gefahr, eher als historisches Dokument denn als eigenständiges Kunstwerk betrachtet zu werden. Schließlich entstand die Bildfolge „Leben? oder Theater?“ unter dem enormen psychischen Druck, dem die Malerin als Emigrantin in Südfrankreich in ihren letzten Lebensjahren ausgeliefert war. Indem sie ihre Lebensgeschichte künstlerisch verfremdet malt, hat sie jedoch ein nahezu konzeptionelles und überraschend modernes Werk geschaffen, das unterschiedliche Stile in sich vereint und spätestens seit der documenta 13 mehr und mehr beachtet wird.

Die Bochumer Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Musiktheater im Revier Gelsenkirchen (MiR), an dem Bridget Breiners Ballett „Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“ von Michelle DiBucci aufgeführt wird.

Die Bildergeschichte beginnt 1913 mit dem Suizid der Tante. Kurz darauf begegnen sich Charlottes Eltern, die Hochzeit malt Salomon comicartig in drei Szenen auf ein Blatt, ein paar Bilder weiter wird Charlotte geboren. Konzipiert wie ein Theaterstück oder Drehbuch zu einem Film werden die Bilder zur expressiven Szenenfolge. Sie erinnern an van Gogh, an Matisse, Munch oder an Picasso, sind mal kindlich-naiv gemalt, mal expressionistisch oder abstrakt mit schnellen Pinselstrichen. Beeindruckend auch die seriellen Wiederholungen, etwa wenn der Kopf von Daberlohn, Charlottes großer Liebe, auf einem Blatt rund fünfzigmal auftaucht und somit wie Pop-Art wirkt.

Nachdem die Mutter 1926 stirbt (ebenfalls Selbstmord, was man Charlotte verschweigt), kommt die Opernsängerin Paula Lindberg (im Werk Paulinka Bimbam) als Stiefmutter ins Haus. Fortan prägt sie die Szenen, zusammen mit Gesangslehrer Daberlohn. Ihm legt Salomon die folgenreichen Worte in den Mund: „Ich halte Sie für berufen, über den Durchschnitt etwas schaffen zu können.“ Im Bild ist Charlotte auf einer Wiese zu sehen, über einen Brief gebeugt. Salomon hatte ihre akademische Kunstausbildung in Berlin abbrechen müssen, war 1939 zu den Großeltern nach Südfrankreich geflohen, während die Eltern in den Niederlanden Unterschlupf fanden. Mit Ausbruch des 2. Weltkrieges nimmt sich auch die Großmutter das Leben, Charlotte sieht sich vor der Wahl, sich ebenfalls zu töten oder ein großartiges Kunstwerk zu schaffen.

Insgesamt 18 Monate arbeitet Salomon an ihrer Bildergeschichte. Zunehmend werden die Bilder skizzenhafter, immer mehr fügt sie Wörter oder Sätze ein, zitiert Lieder und Musikstücke. Im September 1943 wird sie, frisch verheiratet und schwanger, nach Auschwitz deportiert und ermordet. Ihre Arbeit hatte sie zuvor einem französischen Arzt anvertraut.

In einem der letzten Bilder sagt Charlotte zum Großvater: „… ich hab das Gefühl, als ob man die ganze Welt wieder zusammensetzen müsste“, worauf er antwortet: „Nun nimm dir doch schon endlich das Leben …“

Bis 25.5., di – so 10 – 17, mi 10 – 20 Uhr

Tel. 0234/ 9104230

www.kunstmuseumbochum.de

Quelle: wa.de

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