Murray Perahia spielt Beethoven und Haydn in der Philharmonie Essen

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Murray Perahia spielte in Essen mit der Academy St. Martin in the Field Musik von Beethoven und Hayden ▪

Von Edda Breski ▪ ESSEN–Mozart stand nicht auf dem Spielplan. Dennoch war er so präsent wie eine Perspektive eines Vexierbildes: in der Auseinandersetzung Beethovens mit dem großen Vorgänger. Die Academy of St. Martin in the Fields gastierte mit ihrem ersten Gastdirigenten, dem Pianisten Murray Perahia, mit Werken von Beethoven und Haydn in der Philharmonie Essen und bescherte dem Publikum im beinahe ausverkauften Saal einen Abend der leisen Überraschungen.

Im Zentrum stand Beethovens drittes Klavierkonzert, ein Zwitter in c-Moll. Die Musik steht in der „Schicksalstonart” und hat dennoch einen merkwürdig heiteren Charakter. Unter Murray Perahia, der die Academy vom Flügel aus dirigierte, wurde es eine unterbödige Abarbeitung am mozartschen Idyll. Man musste genau hinhören, um die kleinen Verstörtheiten, die Perahia aus der Partitur her-ausarbeitete, einordnen zu können.

Die Einleitung zum ersten Satz spielte die Academy so seidig, so „mozartisch” singend, dass ein Gegenpol absolut notwendig wurde, und er kam: Perahia wiederholte das Thema ruppig und klirrend, um allerdings wieder in seidige Weichheit zurückzufallen. In der Durchführung nahm er sich so weit zurück, dass er unter dem Orchester kaum noch zu hören war – Beethoven mit dem Silberstift? Nicht nur. Perahia und die Academy sind starke Dialogpartner und das Orchester holte die Hintergründigkeiten an die Oberfläche, die der Klavierpart teils überdeckt hätte. In der Kadenz holte das Klavier nach, was es zurückgehalten hatte: Perahia führte das Thema durch den Triumphgestus in die Innerlichkeit, aus der her-aus sich das Thema wehrt und aufbäumt und an Kraft gewinnt, die den Schluss des Satzes bestimmt. Es lohnte sich, auf die beinahe schwindeligen Läufe zu achten – im dritten Satz sollte er diesen Effekt noch einmal einsetzen und damit warnen:

Achtung, nicht alles, was in den Noten steht, ist so, wie es scheint. Perahia verwischte einige Übergänge etwas mehr, als wohl beabsichtigt, dennoch holte er aus dem recht hart klingenden Flügel feinste Nuancen heraus.

Der Klavierpart im Largo stolperte vor Mattigkeit, noch bevor er wirklich begonnen hatte, Perahia ließ seiner Neigung zu silbrig feiner Tongebung und seiner feiner Anschlagskultur freien Lauf. Es war ein seltsam gebrochener Satz, in dem sich Perahia wieder fast vollständig zurückzog, die Streicher herunterdämpfte und dem Fagott, das die Melodie übernahm, einen fast ungedeckten Auftritt zugestand.

Die Heiterkeit des Finalsatzes nahm sich so gebrochen aus wie ein Gegenstand, den man unter Wasser betrachtet. Das Rondothema wurde von allen Seiten bespiegelt, gebrochen und in eine gewittrige Stimmung geführt, die etwas an die Pastorale erinnerte.

Die Academy kann einen Großorchesterklang erzeugen, so fein ausgehört und ausbalanciert wie ein Kammermusikensemble. Diese große Qualität versöhnte damit, dass die Haltung insgesamt etwas gediegen war. Beethovens Coriolan-Ouvertüre spielten die Engländer unter sich, ohne Dirigent, druckvoll und mit dramatischem Gespür, dabei mit wunderbarer Balance zwischen den Gruppen.

Abschließend dirigierte Perahia Haydns Sinfonie Nr. 103 „mit dem Paukenwirbel”, Orchester und Dirigent erkundeten insbesondere die rhythmische Dimension der Sätze und fanden einen Ton mitfühlender Abgeklärtheit für dieses reife Werk des Komponisten.

Quelle: wa.de

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