Münster zeigt Borcherts „Draußen vor der Tür“

+
Nass und im Wasser kauernd: Florian Steffens in „Draußen vor der Tür“ am Theater Münster.

Von Rolf Pfeiffer MÜNSTER - Wandhoch aufgestapelte Wassertanks aus Kunststoff begrenzen die Fläche. Kaum hat sich Beckmann – körperversehrt – aus dem Hintergrund hervorgequält und an einem Ventil gedreht, fließt reichlich Wasser auf die Bühne und verwandelt sie für den Rest des Abends in ein Planschbecken. Wolfgang Borcherts Stück „Draußen vor der Tür“ wird in Münster als Wasserschlacht gegeben, von nur drei Personen, die sich mächtig ins Zeug legen.

„Draußen vor der Tür“ thematisierte das Schicksal der geschlagenen deutschen Soldaten nach dem zweiten Weltkrieg so prägnant wie kaum ein anderes Drama. 1947 wurde der Stoff zunächst als Hörspiel im Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) gesendet, einen Tag vor der Bühnenuraufführung starb Wolfgang Borchert 25-jährig in einem Schweizer Krankenhaus. Sein einziges Stück, in hohem Maße authentisch und autobiographisch, ist die kurze Lebensgeschichte des traumatisierten Kriegsheimkehrers Beckmann, mit kaputtem Bein, Krücke, Gasmaskenbrille, Alpträumen und Selbstmordabsicht. Dieser Beckmann arbeitet im Stück typische Situationen ab, wie sie die geschlagenen Soldaten damals erlebten. Da ist die Ehefrau, die einen anderen hat, das eigene Kind, das unter Trümmern begraben wurde, das unerträgliche Gefühl, Kameraden in den Tod geschickt zu haben, aber auch: der Offizier, der es sich kurz nach dem Krieg mit zynischer „Schwamm-drüber“-Haltung schon wieder recht gemütlich gemacht hat, der Selbstmord der Eltern, die glühende Antisemiten gewesen waren.

Auch Bernadette Sonnenbichler setzt in ihrer Münsteraner Einrichtung für längere Zeit auf das Prinzip der chronologischen Abarbeitung. Das Wasser steht hier zunächst für einen misslungenen Selbstmordversuch in der Elbe, mag darüber hinaus verstanden werden als Symbol der Betroffenheit des sprichwörtlichen begossenen Pudels oder einer rituellen Reinigung. Dass die Wassertankkulisse viel zur Erkenntnisweiterung betrüge, kann man allerdings nicht sagen, auch wenn die Plaste-Behälter manchmal passend zum Bühnengeschehen in unterschiedlichen Farben sehr schön leuchten (Bühne: David Hohmann).

Während sich die Inszenierung zunächst damit begnügt, dem Text hin und wieder einen aktuellen Halbsatz einzuflechten (etwa über Flüchtlinge im Mittelmeer), muss der arme Beckmann, der sich hemmungslos betrunken hat, mit wirrem Lachen Opferzahlen von Kriegen raushauen. Das beginnt bei Hitler und Mao und endet bei Afghanistan und Syrien. Es wirkt in der Summierung erschreckend, sprengt aber den erzählerischen Rahmen und verändert die Zeichnung der Figur Beckmann stark. Aus dem geschundenen Individuum wird ein um Fassung ringender Dauerempörter. Florian Steffens gibt den Beckmann zudem mit einem Körpereinsatz, der kaum an Hunger, Kälte und Kriegsverletzung denken lässt. Streckenweise wirkt die Krücke wie ein Sportgerät.

Daniel Rothaug beeindruckt als Der Andere unter anderem mit tollkühnen Sprüngen in das kaum knöchelhohe Bühnennass, und auch Maike Jüttendonk muss tüchtig klettern, um zwischen den aufgestapelten Wassertanks ihre diversen Positionen als Beckmanns Frau, ein Mädchen, die Elbe und Frau Kramer zu erreichen. Das Grundmotiv der schmerzlichen Erschöpftheit, mit der die Menschen in einer zerstörten Welt vegetieren, geht bei so viel Sportlichkeit verloren.

Beckmanns Person so sehr als aufbegehrenden jungen Mann anzulegen erscheint in diesem Stück etwas gewagt. Dem jungen Theaterpublikum sind solche Personenzeichnungen möglicherweise zugänglicher als jene, die ältere Zuschauer erwarten. Das Stück jedenfalls bleibt wiedererkennbar, und das Premierenpublikum applaudierte kräftig.

28., 30.5.; 19., 23., 24., 26. 6.; Tel. 0251/59 09 100

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare