Münster spielt das Musical „Anything Goes“

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Ranpirschen und Spaß haben: Vladimir de Freitas Rosa (von links), Adam Dembczynski, Musical-Darstellerin Marysol Ximénez-Carrillo und Tommaso Balbo tanzen in „Anything Goes“ am Stadttheater Münster.

Von Edda Breski -  MÜNSTER Ein Schiff auf hoher See. Es gibt kaum eine schönere und kaum eine so umfassend genutzte Metapher für das Leben der Menschen. Das 20. Jahrhundert begann mehr oder weniger mit einer solchen Geschichte von Glorie und Untergang, von unmäßigem Stolz auf die Wunder der Seefahrt und vom Versagen der Technik. Das Scheitern der „Titanic“ war den Menschen, obwohl zu dem Zeitpunkt 22 Jahre vergangen waren, bei der Premiere der musical comedy „Anything Goes“ 1934 gut im Gedächtnis.

Cole Porter und das Team von Schreibern, das die Story erfand, ließen auf der „MS America“ die seltsamsten Persönlichkeiten einen Reigen der Liebe und des Vergnügens tanzen. Am Theater Münster hat der Intendant Ulrich Peters „Anything Goes“ so inszeniert, als habe sich seit der Premiere nicht viel Neues getan, auf der Bühne oder in der Weltgeschichte. Natürlich funktioniert das, denn er bietet hohe Schauwerte, die meisten Bühnenwitze sind immer noch für Lacher gut und Cole Porters Musik ist sowieso praktisch unsterblich, der Mann hat gefühlt das halbe Great American Songbook eigenhändig geschrieben. „Anything Goes“ ist zum ersten Mal in Münster zu sehen.

Der erste Auftritt der Nachtclubbesitzerin Reno Sweeney klingt noch arg nach Lloyd Webber, aber die berühmten Uptemponummern sitzen. Das Theater Münster hat sich mehrere Musicaldarsteller als Gäste geleistet. Besonders der „Einkauf“ von Marysol Ximénez-Carillo als Reno zahlt sich aus. Sie steppt, zieht ihre Kollegen mit und legt geschmeidige Töne über den Chor in der Titelnummer „Anything Goes“, bei der sie vom Tanztheater Münster flankiert wird, und bei „Blow Gabriel blow“, eine als religiöse Erweckung getarnte Verführung zum wilden Leben. Gesungen wird auf Deutsch, mit gelegentlich eingestreuten englischen Zeilen.

Besonders gut funktioniert ihre Chemie mit Aurel Bereuters Moonface Martin. Der Gangster ist als Reverend getarnt an Bord, sein Maschinengewehr im Geigenkasten versteckt. Er orgelt Predigten und befummelt Damen, marschiert zum reichen Yale-Absolventen Elisha Whitney in die Kabine, klaut ihm Brille und Champagner. Whitneys Faktotum Billy (Nathanael Schauer mehr als großäugiger Schlacks denn als romantischer Liebhaber) ist heimlich an Bord. Er hat sich in die junge Hope Harcourt (Corinna Ellwanger) verliebt, eine Neuengland-Blaublüterin. Sie soll Lord Evelyn, einen wirklichen Blaublüter, heiraten. Der Brite bleibt aber kaltblütig, bis er Reno begegnet. Christoph Rinke ist, neben Bereuter und Marysol Ximénez-Carillo, das dritte Zugpferd der Produktion, mit seiner tapsigen Gypsy-Nummer und seinen unfreiwillig zotigen Einzeilern.

Für die Tanznummern hat Choreograf Stefan Haufe Hollywood-Musicals mit Gene Kelly und Fred Astaire studiert. Die Tänzer treten in hübschen Matrosenanzügen auf. Überall glimmern Lamé und Pailetten, weiß ragt das Schiffsdeck auf (Kostüme: Götz Lanzelot Fischer, Bühne: Bernd Franke). Die groß angelegte Produktion bietet trotz einiger Vorhersehbarkeiten angenehme Unterhaltung auf respektablem Musical-Niveau. Im Orchestergraben bringen die Musiker der Münsteraner Sinfoniker unter Stefan Veselka auch die musikalischen Pointen präzise rüber.

Warum spielt man „Anything Goes“ heute? Im Zentrum des Stücks steht eigentlich ein klassischer Topos der Komödie, nämlich das Treffen unterschiedlicher Kulturen. An der Originalstory schrieb der Meister des englischen Witzes P.G. Wodehouse mit. Es geht um neureiche Amerikaner und adelige Briten, um Geld, um Romantik, und um das, was der Romantik im Wege steht, zum Beispiel fehlendes Geld.

Der Yale-Fanatismus des Börsenbrokers Whitney hat damit zu tun, dass der Amerikaner sich nach Tradition sehnt und gleichzeitig danach, die Überhand über die Briten aus dem Herkunftsland der Puritaner zu gewinnen. Darum geht es im englischen Text des Hits „Anything Goes“: Die Puritaner dachten, sie landen auf Plymouth Rock – aber Plymouth Rock landete auf ihnen, und dann ging es bergab mit der Moral. Davon ist der Hedonismus übrig geblieben, und der wird in Münster unterhaltsam präsentiert. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Das Musical

Mit strahlkräftigen Musicaldarstellern ist die groß angelegte Stadttheaterproduktion eines US-Klassikers von Cole Porter zur richtig guten Unterhaltung geworden.

Anything Goes am Stadttheater Münster.

8., 13., 21., 27.3., 14., 23.4., Tel. 0251/59 09 100,

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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