In Münster lässt Henning Paar den „Sommernachtstraum“ tanzen

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Oberon (Cornelius Mickel) und Titania (Anna Caviezel) in der Münsteraner „Sommernachtsraum“-Choreografie. ▪

Von Edda Breski ▪ MÜNSTER_Von George Bernard Shaw stammt der Ausspruch „Tanz ist der vertikale Ausdruck eines horizontalen Verlangens“. Hans Henning Paar, noch neuer Tanzchef in Münster, nimmt das in seiner Fassung des „Sommernachtstraums“ am Kleinen Haus wörtlich. Er interpretiert den Klassiker unbekümmert, als gäbe es die großen Vorbilder, auch im Tanzbereich, nicht: sehr frei nach Shakespeare, mehr in Richtung „Fear and Loathing in Las Vegas“.

Der Sommernachtstraum ist ein Gruppentrip. Auf einer Party im 70er-Ambiente (Bühne: Hanna Zimmermann) treffen sich Glamourtypen, Kaputte und ein Verklemmter. Helena (Maria Bayarri Perez) ist schon völlig hinüber, knickt dauernd um, während sie Demetrius (Vladimir de Freitas) verfolgt. Der versucht, die verliebte Hermia (Priscilla Fiuza) dem Lysander (Erik Constantin) auszuspannen. Aus den Lautsprechern dröhnen Duke Ellington und die Doors, der Gruppentanz hat etwas von Musical und Fernsehballett. Das alles ist witzig und durchaus nicht brav: Hermia und Lysander legen sich aufeinander und führen ihre Choreografie in der Horizontalen aus.

Es gibt auch noch Oberon und seine Frau Titania, er im beigen Macker-Anzug (Kostüme: Isabel Kork), sie im Glitzerminikleid, die zickend und stolpernd Szenen einer Ehe aufführen. Hauptsächlich Spaß haben Theseus (Marcelo Moraes) und Hippolyta (die großartig unterkühlte Ako Nakanome, die während der Rausch-Szenen als Gottesanbeterin in Grün ihre Szene beherrscht).

Puck ist der Drogendealer in dem Szenario, ein kaputter Glamourboy mit einem Hauch Heroinschick, der roten Zauberflitter demonstrativ zwischen seinen Beinen hervorholt und auf die verzückte Titania regnen lässt. Er taucht mit einer Mohnblüte auf dem Kopf auf wie ein weißes Kaninchen und versetzt die Partygesellschaft ins Wunderland. Phantastische Pflanzen sprießen aus der Decke, Schnecken führen einen Paarungstanz auf und Helena wird von der Verachteten zur Begehrten. Titania (die frech-kokettierende Anna Caviezel) springt auf den Verklemmten an, der sich die Kleider vom Leib reißt und als behaarter Urmensch die Unnahbare vernascht. Adam Dembczynski bekommt eine Menge Vorlagen von Paar und nutzt sie alle.

Es gibt etwas zu lachen bei diesem „Sommernachtstraum“, den man als amüsante Revue auffassen darf. Das Stück hat Tempo, die 70 Minuten vergehen geschwind, und am Ende bleibt das Gefühl, gut unterhalten worden zu sein mit bunten Szenen von Hedonismus und Halluzination.

Oberon ist kein Pläneschmieder, sondern selbst Spielball der Droge. Und Puck ist der Zaubermacher, der seinen Appeal testen will, auch bei Oberon: Paar hat einen sehr schönen Pas de deux für die beiden choreografiert. Dem großen, seine Posen weit dehnenden Cornelius Mickel und dem lasziv-beweglichen Tommaso Balbo gelingt es, von der Sehnsucht nach Freiheit im Rausch zu erzählen – da wären die 70er Jahre wieder. Paar hat die Rolle des Puck an einen Mann und eine Frau vergeben, Balbo teilt sich den Part mit Maria Bayarri Perez. Nach dem Trip rappeln sich die aufgelösten Personen wieder zusammen. Der Nerd ist wieder verklemmt, Oberon und Titania streiten weiter. Paar holt aber die beiden Liebespaare in die Moderne: Helena verzichtet dankend auf Demetrius und geht alleine nach Hause. Hermia will Lysander nicht mehr und plaudert mit Demetrius. „Jeder nimmt sein Mädchen, Hans kriegt sein Gretchen“ – das hat schon längst nichts mehr mit ewiger Liebe zu tun, nicht einmal mehr mit Lebensabschnittsplanung. Der Reigen dreht sich weiter.

22.12., 2., 9., 11., 18., 24. 26. Januar, Tel. 0251/5909100, http://www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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