In Mülheim beginnen die „Stücke“ mit René Polleschs „Gasoline Bill“

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Cool bleiben die Cowboys in René Polleschs „Gasoline Bill“, mit dem die 39. Stücke eröffnet wurden.

Von Annette Kiehl MÜLHEIM - „Ich habe mit Greenpeace zwei Delfine gerettet und werde immer trauriger“. Das sagt ein Cowboy, und man möchte den fülligen, charmant melancholischen Mann für diesen Satz in den Arm nehmen und trösten. Doch das würde sowieso nur einem selbst helfen, lernt man vom Autor und Regisseur René Pollesch.

„Gasoline Bill“ ist ein Stück über die Unmöglichkeit der Erlösung und die Widersprüchlichkeit des Lebens. Wie gewohnt hat Pollesch seinen philosophischen Diskurs wunderbar schillernd und komisch verpackt.

Polleschs Drama, das er an den Münchner Kammerspielen inszenierte, eröffnete die „Stücke“, die 39. Mülheimer Theatertage. Bei dem Festival konkurrieren sieben Dramatiker um den Preis für den besten Theatertext des Jahres. Damit stand gleich am ersten Abend die Frage im Mittelpunkt, ob „Gasoline Bill“ überhaupt ein „Stück“ und damit auch wettbewerbsberechtigt ist.

Denn Pollesch, bereits zwei Mal in Mülheim ausgezeichnet, hat den Abend mit den Schauspielern Sandra Hüller, Kristof Van Boven, Benny Claessens und Katja Bürkle erarbeitet, erzählte er im Anschluss an die Vorstellung. Die Ideen des Psychoanalytikers Slavoj Zizek, Anekdoten aus dem Bekanntenkreis und allerlei Filmzitate (der Titel des Stücks ist ebenfalls eines) fügten sich während der Proben so zu einer Textpartitur zusammen. Diese darf jedoch von keinem anderen Ensemble nachgespielt werden, betont Pollesch.

Wie seine Darsteller als Künstler auf der Bühne mit dem Text umgehen, stellt der Autor und Regisseur ihnen frei. Sie spielen so vielfältig, wie eben auch Polleschs Arbeit ist: cool, glamourös, hysterisch überdreht und im nächsten Moment mit ironischer Distanz. Das Widersprüchliche und das Misstrauen gegenüber allem, das authentisch sein soll, schwingen immer mit.

Der Bühnenbildner Bert Neumann und die Kostümbildnerin Nina von Mechow haben an der Ausstattung von „Gasoline Bill“ autonom gearbeitet und geben dem Stück so weitere Dimensionen. Der offene Kubus im Mittelpunkt der Bühne bezieht sich auf eine Doppelhaushälfte. Aus Brettern zusammengezimmert und mit einer dicken Matratze ausgelegt, wirkt dieses Haus ebenfalls als ein Zitat, ein Versatzstück einer Lebensform. Wenn die Darsteller im Western-Outfit betrunkene Schauspieler spielen, dann drehen sie diese Hütte wie eine tibetanische Gebetsmühle, von der in den sich auftürmenden Gedankengebäuden und umher fliegenden Textschnipseln auch immer mal wieder die Rede ist.

Rätselhaft bleibt, was das eine mit dem anderen zu tun hat und was das alles überhaupt soll. Doch soviel ist schnell klar: Diese Frage läuft in Polleschs postkapitalistischer und postauthentischer Welt ins Leere. Das Handeln zählt und die Oberfläche. So glitzert der Glitzervorhang im Hintergrund grell in den Augen, die Slapstick-Einlagen sind wunderbar komisch und die Popmusik macht gute Laune. Die Sehnsucht nach Erlösung, so scheint es, ist von gestern.

Bis 7. Juni. Nächste Vorstellung: 20. Mai, Philipp Löhle: „Du (Normen)“. www.stuecke.de

Quelle: wa.de

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