Moritz Rinkes neues Stück amüsiert

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Zweisamkeit strapaziert: Oliver Kraushaar und Constanze Becker in Rinkes „Wir lieben und wissen nichts“.

Von Achim Lettmann RECKLINGHAUSEN - Sebastian liest. Er sitzt in der Fluchtlinie einer Bücherwand und hat sich mit dem Arm in der Stuhllehne verschraubt, verankert. Der Geistesmensch will nicht weg aus seinem „Bewusstseinszimmer“. Seine Freundin wartet ungeduldig auf ein Paar aus Zürich, mit dem die Wohnung getauscht werden soll. So beginnt Moritz Rinkes neues Stück „Wir lieben und wissen nichts“.

Der Dramatiker lässt Mann und Frau kollidieren. Diagnose: postmodernes Selbstverständnis. Ob verheiratet oder befreundet, Bindungen sind nur noch Relikte, die das Individualistische in der Leistungsgesellschaft erschweren. Sebastian braucht die Stille der Wohnung für kulturhistorische Texte, Hannah braucht die Bänker in der Schweiz, um Geld mit Entspannungstechniken zu verdienen. Er hasst die Finanzjongleure. Beide leben von ihrem Honorar. Beim „verabredeten Kind“ wird’s dann richtig kompliziert.

Es geht nicht zusammen, ist die Grundaussage in Rinkes Theaterstück, das bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen uraufgeführt wurde. Das ist nichts Neues in der Theaterliteratur. Aber Rinke findet den Störfaktor nicht beim freiheitsliebenden Menschen, wie das bürgerliche Schauspiel. Rinke geißelt die optimierten Anforderungen in der globalen Wirtschaftswelt als Hemmnis, heutzutage noch selbstbestimmt zu leben, eine Familie zu gründen und letztlich ortsansässig ein Heimatgefühl zu entwickeln.

In der Halle König Ludwig 1/2 spitzt Regisseur Oliver Reese das Konfliktpotenzial genüsslich zu, lässt es krachen oder kreuzt die Paare inmitten der flackernden Sachlage. Denn Roman, der Nickelkontakte für Satelliten entwickelt, kommt mit seiner Frau, einer Pferdetherapeutin, auch nicht mehr klar. Ob die beiden bleiben, hängt davon ab, wann Roman das Benutzerpasswort erhält, um im Netz den Satellitenstart zu verfolgen, der für seine Zukunft ein Abbild sein soll. Sebastian sieht aber in der Vernetzung der Menschheit einen Eingriff in die Selbstbestimmung und zückt die Pistole seines Vaters. Er ist im Kulturkampf, aber auch nicht lange.

Marc Oliver Schulze gibt den sensiblen Publizisten Sebastian hitzig und selbstverliebt. Er krankt an seinem Pessimismus und ist zeugungsunfähig. Claude De Demo spielt die pragmatische Freundin, die alle Intimität fahren lässt, sobald sich ein Mann zeigt, der ihren Kinderwunsch scharf stellt. Oliver Kraushaar brummelt und rappelt sich als Roman zum Internet-Tarzan für Frauenwünsche auf, weil seine zupackende Art Zukunft verspricht. Dass ihn seine Firma schon zum „Urlaub“ drängt, wird am Ende öffentlich und eine Kurzschlussreaktion auslösen. Zum echten Drama kommt es aber nicht. Nicht mal dazu reicht’s. Moritz Rinke spielt kalkuliert mit der Bühnengattung und hält am Ende die Lebensphase jeder seiner Figuren kurz an. Eigentlich hätte das Stück „Wir lieben nicht und wissen zuviel“ heißen können. Rinke ist sehr ironisch. Das Video von Jonas Alsleben treibt dann Satellitenabschuss und Fortpflanzung auf die Spitze.

Romans Frau Magdalena wird von Constanze Becker als gefühlige Prosecco-Lady abgefüllt, die im Überschwang Sebastians Männlichkeit herausfordert, und obendrein auch die sexuelle Enttäuschung ihrer Ehe offenbart. Die Männer sind hier das Problem, nicht nur die Globalisierung. Und das macht den Stoff – gerade fürs weibliche Publikum – hörbar vergnüglich.

Quelle: wa.de

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