Moritz Bleibtreu als Anwalt in der ZDF-Serie „Schuld“

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Friedrich Kronberg (Moritz Bleibtreu) trifft seinen Mandanten Thorsten Paulsberg (Devid Striesow) im Gefängnis. Szene aus der ersten „Schuld“-Episode „Der Andere“.

Von Elisabeth Elling - Ein Mann wurde im Schlaf erschlagen, er hatte jahrelang seine Frau misshandelt. Sie gesteht, wird wegen Mordes angeklagt und will sich nicht rechtfertigen. Ein Anderer hat den Nebenbuhler lebensgefährlich verletzt und schweigt ebenfalls vor Gericht. Beide sind Mandanten von Friedrich Kronberg.

Moritz Bleibtreu spielt den Berliner Strafverteidiger in der sechsteiligen Serie „Schuld“, eine seiner seltenen TV-Rollen. Es ist die zweite ZDF-Reihe nach einem Bestseller Ferdinand von Schirachs. Der Berliner Schriftsteller und Anwalt ließ sich zu seinen Erzählungen von Fällen anregen, mit denen er befasst war. In „Verbrechen“ hatte 2013 Josef Bierbichler (als Friedrich Leonhardt) das Strafmaß für seine Mandanten zusammenschnurren lassen, manchmal bis auf Null.

Das tut auch Bleibtreus Kronberg, und wieder ist vieles anders als in üblichen Krimi- und Anwaltsformaten. Kein fintenreiches Auftrumpfen (wie bei Manfred Krugs „Liebling Kreuzberg“), kein sozialpädagogisches All-inclusive-Paket (wie bei Dieter Pfaffs „Der Dicke“), sondern die reine Entschleunigung. Nicht die komplexe, figurenreiche übergreifende Erzählweise, für die TV-Serien aus den USA („House of Cards“) und Skandinavien („Die Brücke“) gerühmt werden. Auch keine extremen Figuren, wie sie die BBC produziert („Luther“, „Sherlock“). Stattdessen mit Kronberg eine Hauptfigur, die nicht einmal an-, geschweige denn auserzählt wird. Und die sich auch äußerlich wenig exponiert mit gedecktem Anzug, jaguargrünem Auto und ersten grauen Strähnen im Vollbart. Jede Episode ist nach 45 Minuten abgeschlossen.

Aus diesem zurückgenommenen Konzept im kleinen Format wird richtig gutes, großes Fernsehen.

Kronberg hört vor allem zu und beobachtet. Bleibtreu träufelt in die professionelle anwaltliche Distanz haarfeine Spuren von Empathie, Ratlosigkeit, Befremden oder Verstörtheit. Solche Mandantengespräche in tristen Gefängniszimmern sind ein häufiger Schauplatz, es gibt viele Szenen vor Gericht, vor allem aber Rückblenden auf die Taten und ihre Vorgeschichten. Hier wird es brutal und heftig, aber stets bewahrt die Regie von Hannu Salonen und Maris Pfeiffer einen sachlichen Zugriff.

Die großartigen Schauspieler (unter anderem Hans Michael Rehberg, Jörg Hartmann, Benjamin Sadler, Anna Maria Mühe) unterspielen geradezu die Wucht der Ereignisse, die in ein Tötungsdelikt münden. In der Auftakt-Folge „Der Andere“ geben Devid Striesow und Bibiana Beglau ein Ehepaar, das erotische Abenteuer sucht, die er jedoch immer weniger erträgt. Als er einen der Männer, mit denen sie geschlafen hat, zufällig trifft, greift er zum Quarz-Aschenbecher und schlägt zu.

In Grunde geht es in „Schuld“ um die Kluft zwischen Rechtsprechung und „gefühlter“ Gerechtigkeit – und die siegt am Ende, nach welchen Wendungen auch immer. So gesehen agiert Bleibtreu durchaus als „Liebling Kronberg“: Mal verweigert das Opfer auf seinen Hinweis hin lieber die Aussage, um sich nicht selbst als Koks-Konsument zu belasten. Oder Kronberg fischt aus den Tiefen der juristischen Literatur die passgenaue Ausnahme von der herrschenden Rechtsprechung, um gegen den Mordvorwurf einen Freispruch durchzusetzen.

Dabei ist Ferdinand von Schirach ein glühender Anhänger der Strafprozessordnung und zeigt (nicht ohne Eitelkeit) sein Alter Ego Kronbach als stillen Virtuosen ihrer Vorschriften: „Sie kanalisieren unsere Wut, ihre Regeln ordnen unsere schwankenden Gefühle, Zorn und Rache lehnen sie als Ratgeber ab. Sie achten den Menschen, und am Ende sind nur sie es, die uns vor uns selbst schützen können.“

Sparsam und eindrucksvoll werden optische Effekte gesetzt, wenn einschneidende Erlebnisse aus einer zweiten Perspektive mit der Handkamera und in körnig-gelblichen Bildern wiederholt werden (Kamera: Hanno Lentz). Vielsagende Requisiten (mal Boxhandschuhe, mal der Aschenbecher) trudeln durchs Bild: Sie markieren eine Emotion, die außer Kontrolle gerät, oder den Moment, als dem Anwalt schwant, dass er der Wahrheit doch nicht auf den Grund gegangen ist.

ZDF, 21.15 Uhr

Quelle: wa.de

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