Monteverdis „L‘incoronazione di Poppea“ in Dortmund

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Barockes Liebesdrama in moderner Optik: Szene aus „L‘incoronazione di Poppea“ in Dortmund mit Katharina Peetz, Eleonore Marguerre und Christoph Strehl (von links) ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Streiten sich drei Göttinnen: Lassen wir es doch die Menschen ausfechten, meint eine. Das aus der „Ilias“ bekannte Szenario führte zum Untergang Troias. Für seine letzte Oper „L‘Incoronazione di Poppea“ griff Claudio Monteverdi darauf zurück und gab einer üblen Geschichte einen klassischen Anstrich. An der Oper Dortmund versteht ihr Intendant Jens Daniel Herzog die „Poppea“ als ein als Historienspiel maskiertes Sittentheater.

Die Göttinnen des Schicksals, der Tugend und der Liebe wollen herausfinden, wer die Mächtigste sei. Eine goldene Arena (Bühne, Kostüme: Mathis Neidhardt) ist im Bühnenraum des Dortmunder Opernhauses aufgebaut. Oben bleiben die Götter und jene, die sich dafür halten (und das Orchester). Die Menschen müssen in die Kampfbahn und werden von Amor per Investitur in ihre Rollen gesteckt. Das Publikum sitzt beidseitig, es erlebt Musik und Spiel außergewöhnlich nah.

Herzog schickt den Stoff zunächst in die Tretmühle des Humors. Nerone (Christoph Strehl), ein Schwächling in Faschistenuniform, umarmt in einer Balkonszene seine Poppea (Eleonore Marguerre), eine Diva im Hollywood-Stil, und trampelt auf die Finger der Wachen, die ihm die Leiter halten müssen. Die beschweren sich: „Scheißliebe, Scheiß Poppea!“ Das Libretto liest sich in der Übertitelung prollig pointiert: Nicht immer ist das gelungen.

Die Bufforolle der Arnalta, Poppeas Amme, symbolisiert als grobe Karikatur eine weitere Machtebene: die zwischen den Geschlechtern. Lucian Kasznec spielt die Klischeetunte, die hinter Weichlichkeit Hass auf die Welt verbirgt. Hans-Jürgen Lazar, der bei der Premiere den Stimmpart für den erkrankten Kasznec einsang, war leider selbst schlecht aufgelegt – ein Ausfall.

Der Philosoph Seneca bejubelt seinen eigenen Tod: Endlich werde er in den Olymp aufsteigen. In Dortmund gibt das eine weitere hochkomische Szene: Seneca verhandelt mit dem Götterboten Merkur seine Todesart und gibt noch ein Autogramm. Christian Sist legt ölige Selbstgefälligkeit in seine Partie und stirbt in einer büchergefüllten Badewanne den Bühnentod.

Es folgt die Selbstenthüllung Nerones: Das Über-Ich, Seneca, der dem die Schulbank drückenden Kaiser den Hintern versohlte, ist tot. Nerones Triebe sind frei, auch seine sexuelle Gier. Er, der sich von Poppea zuvor am Halsband durch die Manege führen ließ, verhöhnt nun Senecas Leiche und vergewaltigt das Dienstmädchen.

Auch wenn Herzog spät den Bogen von der Parodie zu einer Erforschung des Grausamen findet: Man sollte seine Späße mit Vorsicht goutieren. Sie maskieren einen tiefen Pessimismus. Denn dieses Spiel verlieren sogar die Götter, auch Amor, der Triumphator auf dem Schlachtfeld von Liebe und Verlangen. Die Vereinigung Nerones und Poppeas wird von Monteverdi im eigenartig zärtlichen Schlussduett verklärt. Aber sie ist das Resultat von Demütigung und Mord und das Vorspiel zu noch mehr Greuel. Herzog inszeniert ein so glamouröses wie verstörendes Finale.

Auf sein Ensemble kann sich Herzog, der den Dirigenten Fausto Nardi und Instrumentalspezialisten dazugeholt hat, verlassen. Er hat starke Sängerdarsteller wie Christian Sist oder Julia Amos, die als Virtù und Drusilla mädchenhafte Sprödigkeit und Hingabe mischt. Auch Tamara Weimerich als Diener und Göttin Fortuna, der herbe Amor Maike Raschkes und Ileana Mateescus gefühlsbebender Ottone gefallen. Christoph Strehl ist ein kluger Darsteller, der die Komplexe seines Nerone stets nahe der Oberfläche spielen lässt. Als Poppea lässt Eleonore Marguerre ihren runden, dunkel timbrierten Sopran schnurren und glitzern.

Das Orchester spürt den sinnlichen Qualitäten der Partitur nach. Auch die Musik schimmert.

7., 13., 22., 30.12., 20., 25.1., Tel. 0231/50 27 222;

http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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