Guy Montavons Inszenierung der Oper „Joseph Süß“ am Theater Münster

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Schon durch seine Kleidung fällt der Finanzrat auf: Szene aus „Joseph Süß“ in Münster mit Gary Martin, Gregor Dalal, Helge Salnikau und dem Opernchor.

Von Anke Schwarze MÜNSTER - Werden sie bewegt, werfen die verspiegelten schwärzlichen Säulen der Drehbühne grelle Lichtreflexe ins Publikum. Sie drehen sich, wann immer eine Erinnerung den im Kerker wartenden Joseph Süß durchzuckt und sich seine Kopfbilder in Szenen materialisieren. Die Drehmomente sind für die Augen unangenehm – so, wie die Oper des zeitgenössischen Komponisten Detlev Glanert unangenehm berühren will.

Sie erzählt die Geschichte des rassistisch motivierten Mordes an Joseph Süß, dem Finanzrat des württembergischen Herzogs Karl Alexander.

Das Theater Münster wagt sich erfolgreich an die beklemmende Inszenierung von Guy Montavon (Regie) und Peter Sykora (Bühnenbild und Kostüme), wie sie schon in Erfurt und München zu sehen war. Das Libretto von Werner Fritsch und Uta Ackermann verdichtet die komplexe Geschichte um Hofintrigen und Schauprozess auf anderthalb Stunden. Erzählt wird in Rückblicken, aus der Perspektive von Süß während der letzten 90 Minuten seines Lebens. Er schmachtet in einem Kerker aus Goldbarren, in der Schatzkammer des Herzogs, dessen Geldgier ihn zu Aufstieg und Fall brachte.

Vor dem zeitlos schwarzglänzendem Bühnenbild geistert der Chor als dekadente Hofgesellschaft. Die barocken Kostüme ganz in Weiß gehalten, die Gesichter maskenhaft gekälkt, skandiert er mit bizarren mechanischen Gesten – eine tumbe, unreflektierte und keineswegs unschuldige Masse. Aufgehetzt hat sie der todbringende Intrigant Weissensee, gekleidet in Schwarz. Der Aufsteiger Joseph Süß sticht in selbstbewusstem Rot hervor. Es ist eine Figur mit Schattenseiten. Montavon lässt offen, inwieweit Süß eine Mitschuld an der Vergewaltigung von Weissensees Tochter durch den Herzog trägt. Immerhin brachte er Magdalenas Namen ins Spiel, als Trumpfkarte im höfischen Konkurrenzkampf. Ob gut oder böse, mit Süß und Weissensee werden Charaktere inszeniert. Aus dem Herzog machen Montavon und Sykora dagegen eine Karikatur, die dem tragischen Stoff einige burleske Momente abgewinnt. Ein tief ausgeschnittenes Leo-Print-Top, eine behaarte Brust über einer unübersehbaren Schamkapsel – und der Herzog wird zum lebenden Wortspiel des potenten Potentaten.

Gary Martin, der den Part des Joseph Süß schon in München übernommen hat, spielt mit überlegener Gelassenheit. Wohlmoduliert intoniert er die lyrischen Momente mit seiner Geliebten Magdalena, zelebriert auf dem Henkersplatz seine Anklage gegen Gott mit verhaltener, tiefklingender Dramatik. Als sein Konkurrent Weissensee behauptet sich Youn-Seong Shim, kriecherisch, das Gesicht zur verschlagenen Fratze verzerrt. Seine Stimme agiert geschmeidig in der für ihn ungewöhnlichen Rolle des Schurken. Gregor Dalal besticht als herzogliches Zerrbild. Immer wieder stiehlt er die Schau, wenn er in lüsterner Erwartung herumtänzelt, seine Stimme sich orgiastisch überschlägt, affektiert äfft, manisch lallt.

Die Töchter von Süß und Weissensee (Henrike Jacob) sind Spielbälle im Ränkespiel gegen den jüdischen Finanzrat. Vor allem Lisa Wedekind beschwört als Naemi Süß eine innige Zartheit, die ihre Vergewaltigung und Vernichtung durch den Herzog und seinen Mob umso roher wirken lässt. Den missbrauchten Frauen steht die gewissenlose Opernsängerin Graziella gegenüber, die sich ihr eigenes Opernhaus erschläft: Eva Bauchmüller persifliert gekonnt mit stählernen, zermürbenden Koloraturen.

Münsters Sinfonieorchester, geleitet von Thorsten Schmid-Kapfenburg, interpretiert Glanerts Musik mit brutaler Schärfe. Es piesackt mit Rhythmen präzise wie Nadelstiche, akzentuiert vom boshaft zischelndem Chor. Feine Nuancen wie das quälende Wassertropfen im Kerker kontrastieren mit ohrenbetäubenden Kakophonien, so rücksichtslos wie eine Gesellschaft, die Menschenleben zerstört.

Da versteht sich der Bezug zur jüngsten deutschen Vergangenheit auch ohne den Prolog: Zwei junge Männer in moderner Kleidung reißen rassistische Judenwitze unter einem Schild: „Juden sind in unseren deutschen Wäldern nicht erwünscht.“

14., 20., 27.2.; 4.,12.3.

Tel. 02 51/ 59 09-100

www.theater.muenster.com

Quelle: wa.de

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