Monica Bonvicinis Ausstellung „Lover’s Material“ in Bielefeld

Leuchtende Installationskunst mit Blick aus der Kunsthalle: Monica Bonvicinis „White Out“ (2020) ist in der Bielefelder Kunsthalle zu sehen, wo eine Werkausstellung der Künstlerin, die in Berlin lebt, zu sehen ist. Foto: Lettmann

Bielefeld – Die schmalen Lichtröhren spiegeln sich in einem Fenster der Bielefelder Kunsthalle. Die eng verbundenen LED-Leuchten hat Monica Bonvicini in den Kunsttempel gehängt und „White Out“ (2020) genannt. Sie lässt zu ihrer Ausstellung „Lover’s Material“ Blicke in die innerstädtische Umgebung zu. Auch nachts ist „White Out“ zu sehen und lenkt die Aufmerksamkeit auf das moderne Kunsthaus. Bonvicini, die in Berlin lebt und aus Venedig stammt, arbeitet immer wieder zu Räumen und Architektur. Die Kunsthalle hatte Philip Johnson entworfen, 1968 wurde der Bau im „International Style“ eröffnet: eine moderne Architektur für große Formate.

Der baulichen Vorgabe wird in Bielefeld aber nicht gehuldigt, denn Monica Bonvicini findet in Franz Schulzes Biografie über Philip Johnson eine Beschreibung. Da ist zu lesen, dass Johnson seinen ehemaligen Partner als „Unfehlbar zugetan, angenehm passiv und ewig dankbar für die materielle Großzügigkeit seines Liebhabers“ charakterisiert. Ein ungleiches Verhältnis. Daraus entwickelt Bonvicini ihre Kunst, die auf Machtgefüge reagiert, die in Schieflage geraten sind. Und die Künstlerin (55) will das Haus anders erfahrbar machen. In der ersten Etage, wo eine zentrale Schauwand für das wichtigste Werk einer Präsentation bereit steht, finden sich nur drei Lichtschalter in Weiß. Der besondere Platz für Malerei wird mit einer minimalistischen wie spöttischen Geste ausgespart: Die drei Schalter sind gedreht, so dass NO statt ON zu lesen ist. Mehr nicht.

Stattdessen fällt der Blick auf einen riesigen Teppich, der mit zahlreichen Fotos von ausgezogenen und abgestreifen Hosen und Shorts der Künstlerin bebildert ist. Auch die Idee zu diesen Fotografien, die Bonvicini meist auf ihren Reisen, in Hotels und Gastzimmern über Jahre aufgenommen hat, geht auf die Johnson-Biografie zurück. So eine vergessene Hose hat etwas Intimes. Und wo die Hose liegt, wirkt dieser Ort plötzlich wie erobert. Die Bodenarbeit „Breach of Decor“ (2020, Bruch in der Ausstattung) bietet 60 Abbildungen auf einem Teppich. Wer darüber geht, spürt den Teppichflor, der sich angenehm anfühlt – nicht nach Kunsthalle. Hosen stehen auch für Selbstbestimmung, wie sie von den Emanzen anfang des 20. Jahrhunderts gebraucht wurden, den Suffragetten.

Die Ausstellung „Lover’s Material“ ist die erste große Präsentation von Christina Végh, der neuen Museumsdirektorin der Kunsthalle Bielefeld, und durchaus programmatisch – neben drei weiteren Präsentationen, die zeitgleich im Haus stattfinden. „Es ist mir ein Anliegen, dass sichtbar wird, dass Ausstellungen und die Kunst immer in Verbindung mit unserem Leben stehen“, sagt die Schweizer Kunsthistorikerin.

Végh präsentiert Bonvicini mit ihrer ersten musealen Einzelausstellung überhaupt. Neben Macht und Architektur geht es um Zeit- und Gender-Themen. Als Donald Trump vor Jahren feststellte, sich aufgrund seiner Berühmtheit alles erlauben zu können, dachte er auch an Frauen, die er in aller Öffentlichkeit intim berührt hatte. Alles geht. Bonvicini reagiert mit ihrer Skulptur „Grap Them By The Balls“ (2020, Packt Sie bei den Eiern) und warnt solche Typen auf ihre Weise. Dafür hat die Künstlerin ihre Hand und ihren Unterarm plastisch nachgebildet. Als Multiples ragt „Grap Them By The Balls“ gleich an fünf Stellen aus den Museumswänden – die Höhe stimmt. „Guilt“ (2020, Schuld) ist eine Wandinstallation mit fünf erschlaften Penisen aus Glas. In welcher Weise sich Männer schuldig machen können, ist hier diskutabel und jeden selbst überlassen.

Auf ein anderes Machtverhältnis macht Bonvicini aufmerksam, wenn sie große Aluminiumbleche waagerecht aufhängt und eine horizontale Wischspur hindurchzieht. „Be your Mirror“ (2020, Sei dein Spiegel) verweist auf die Putzarbeit von Frauen, die meist das Museum kehren, bevor das Publikum erscheint. In Bielefeld wird nun täglich dieser Arbeitsnachweis auf Aluminium ausgeführt. Das Kunstwerk wird poliert. Die Raumpflegerin ist nicht vergessen. Es sind Exponate zu sehen, die von konzeptellen Ideen getragen werden.

Bonvicini, die in Berlin Kunst studiert hat, erhielt 1999 den Goldenen Löwen der Biennale in Venedig. Ihre Werke werden vielerorts präsentiert. In einem Interview sagte die Italinerin, dass sie den „internationalen Sprung“ geschafft habe. Im Januar 2021 wird ihr eine weitere Einzelausstellung im Kunst Museum Winterthur (Schweiz) gewidmet.

Die Schau in Bielefeld ist eine gute Möglichkeit das Spektrum der fünfzigjährigen Künstlerin kennenzulernen. Neben Installationen und skulpturalen Arbeiten werden auch Fotografien neu in Szene gesetzt und bewertet. Für „Marlboro Man“ (2019) ist die Werbefotografie ihrer Farbe beraubt und in Schwarzweiß auf Aluminiumplatten gedruckt. Das ikonografische Reklamebild für Zigaretten ist eine blutleere Vision geworden. Vielleicht eine Entsprechung zum verkürzten Leben vieler Raucher? Bonvicini lässt das Panorama der Fotografie in einem Kabinettraum kaum zur Geltung kommen. Daneben sind Materialien zu sehen, die an drei Künstler des 20. Jahrhunderts erinnern: Das Gestell eines Flaschentrockners weist auf die Ready Mades von Marcel Duchamp, weiße Sockelsteine lassen sich dem Minimalisten Sol LeWitt zuordnen und die Leuchtstoffröhren dem Lichtkünstler Dan Flavin. Mit dem ironischen Titel „All The Pretty Horses“ (2020, All die schönen Pferde) werden die zielgerichteten Erfolgsstrategien dieser Männer kommentiert.

In einem Video hat Bonvicini in der Corona-Zeit ihren Weg zum Atelier in Berlin visuell abstrahiert. Sie steckte ihr Smartphone ein und nahm einen „Film“ auf, der nur blasse Farben einfing. „I See a White Building, Pink + Blue“ (2020, Full HD Projekion) überträgt auch die Pedalgeräusche, deren Gleichmäßigkeit an Herzschläge denken lässt. Der Sound durchdringt die Ausstellungsebene. Dazwischen sind helle Piptöne zu hören, die die Skulptur „Time Of My Life“ (2020) abgibt. 300 LED-Armbanduhren sind zu einer Kugel geformt und auf einem spiegelnden Sockel gesetzt. Mögliche Merkzeichen zur abnehmenden Lebenszeit. Die Töne sind nicht regelmäßig. So entfällt auch das Gleichmaß der Uhrzeit, das für Kontrolle steht. Eine durchaus bedrängende Sound-Skulptur.

Bonvicini kombiniert gern das Unerwartete, das was eine Kunstgattung nicht unbedingt ausmacht. Ihre sinnliche Plastik „Up In Arms“ (2019, Zu den Waffen) verschränkt zwei Arme aus zerbrechlichem Muranoglas. Zartrosa schimmert die Skulptur, die so gar nicht zum Kampfruf passen will.

Mit der „Lover’s-Material“-Schau wird das moderne Selbstbild der Kunsthalle Bielefeld als Ausstellungsort erweitert. Die Räume werden einerseits durch die vielschichtige Konzeptkunst neu erfahrbar, andererseits ist der Blick aus den Fenstern zur Stadt möglich, um die Außenwelt zu sehen und Gegenwart zu spüren. Immerhin eine Variante, die Philip Johnson und seine Architektur zu gelassen hat.

Bis 17. 1. 2021; di-so 11 bis 18 Uhr; mi bis 21 Uhr, sa 10 bis 18 Uhr; Tel. 0521/32 999 500/10;

www.kunsthalle- bielefeld.de. Bis zu 120 Besucher können die Kunsthalle zeitgleich betreten.

Vier Ausstellungen

Parallel zur Ausstellung „Monica Bonvicini. Lover’s Material“ sind in der Kunsthalle:

Raum Zeit Architektur Gender. Blick in die Sammlung#1 Werke aus der Sammlung sind unter diesen Begriffen neu präsentiert.

Jeremy Deller: Wir haben die Schnauze voll. Ein Musikvideo zur 7. Symphonie Beethovens, das ein Orchester und Schulkinder auf einer „Fridays for Future“-Demo zeigt.

Auguste Rodin / Jeff Wall. Die Denker. miteinander gegenüber #1 Eine Farbfotografie von Wall lässt sich mit der Skulptur Rodins vor der Kunsthalle vergleichen.

Quelle: wa.de

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