Die Mohammed-Karikatur auf dem Titel von „Charlie Hebdo“

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Ein Prophet des Mitleids: Das Titelblatt des Magazins „Charlie Hebdo“.

Von Ralf Stiftel - Natürlich mit einer Mohammed-Karikatur kommt „Charlie Hebdo“ heraus, nur eine Woche nach dem Terroranschlag auf das Satireblatt, bei dem zwölf Menschen ermordet wurden. Die Titelzeichnung von Luz, die auf den ersten Blick so einfach erscheint, ist ein Geniestreich, ein komplexe Botschaft an die Welt.

Der Prophet mit einer Träne im Auge solidarisiert sich, indem er das Schild mit dem berühmten Slogan hochhält: „Je suis Charlie“. Darüber steht die versöhnliche Schlagzeile: „Tout est pardonné“, alles ist vergeben.

Die Abgründigkeit dieser Karikatur erschließt sich erst nach und nach. Zunächst berührt die Freundlichkeit. Nach dem brutalen Anschlag hätte man aggressive Witze erwarten können. Luz kann auch das. Eine Spezialausgabe „Charia Hebdo“ hat er mit dem Propheten betitelt, der droht: „100 Peitschenhiebe, wenn Sie sich nicht totlachen.“ Im aktuellen Heft kommt jedoch eine zeichnerische Umarmung. Luz arbeitet mit einer raffinierten Doppeldeutigkeit: Er stellt den Propheten dar, obwohl aggressive Islamisten das verbieten wollen. Das Massaker hat auch er nicht gewollt, und das Schild ist Zeichen seiner tätigen Reue. Ein ausgestreckter Mittelfinger für die blutigen Zensoren. Aber Luz zeigt Mohammed voller Respekt, als Verbündeten sozusagen, als Sympathiefigur.

Und darauf gesetzt die Vergebung. Eine beiläufige Zeile, als hätten ein paar Lausbuben eine Scheibe zerschmettert oder eine Stinkbombe in den Flur geworfen. Schwamm drüber, machen wir weiter. Da erreicht die Ironie einen Gipfel, schließlich trauern die Überlebenden um ihre ermordeten Kollegen. Das Pardon steht für den Trotz, für ein „Jetzt erst recht“. Luz’ Zeichnung sagt den Killern: „Ihr könnt uns erschießen, aber deshalb nehmen wir euch noch nicht ernst.“ Zuerst ist die Karikatur ein ästhetisches und satirisches Bekenntnis, dass man nicht klein beigibt.

Auf einer weiteren Ebene reagiert die Zeichnung auf die weltweite Welle der Solidarität, auf die Kundgebungen und die Unterstützung, die dem Blatt gewidmet waren. Der Slogan wurde so schnell so populär, dass inzwischen Unternehmer Geld damit verdienen wollen. Überall hört und liest man „Je suis Charlie“. Manchmal fragt man sich, ob Charlie jeder willkommen ist, der bei ihm unterschlüpfen will. Alle wollen dabei sein, alle stellen über der frommen Geste alles zurück. Bei der Kundgebung in Paris liefen in einer Reihe neben Hollande und Merkel Politiker, die sich sonst als unversöhnliche Gegner gegenüberstehen, wie der israelische Ministerpräsident Netanjahu und der Palästinenserführer Abbas. Auch das bildet Luz ab, dieses plötzliche und verstörende Gefühl von „Habt euch alle lieb“.

Sozusagen das Scharnier der Vieldeutigkeit ist die Zeile „Tout est pardonné“. Wer spricht hier eigentlich? Vergeben die überlebenden Magazinmacher dem Islam? Oder ist dies als neutrale Zeitungsschlagzeile gemeint, die auf die internationale Welle der Solidarität reagiert? Das wäre gleichsam eine politische Lesart.

Oder spricht hier gar der Prophet selbst, vergibt er den Lausbuben von „Charlie Hebdo“, was sie früher ausgefressen haben, angesichts des unverhältnismäßig brutalen Überfalls? Darin mag für die Islamisten die größte Provokation dieses Blattes liegen. Luz befreit Mohammed aus der Geiselhaft der religiösen Extremisten. Er zeichnet einen sympathischen Propheten, der mitleidet, der menschlicher empfindet als die Mörder, die seine Lehre als Vorwand für ihre Verbrechen missbrauchen.

Dieser Mohammed, ganz in den Signalfarben des Islam gehalten, im weißen Gewand auf grünem Grund, steht für einen humanen Islam. Viele Imame und Theologen unterstreichen, dass diese Weltreligion eine der Barmherzigkeit sei. Die Zeichnung hebt das Zerrbild auf, in dem sich Islamisten und Islamhasser bei aller Zwietracht zusammenfinden. Man kann Mohammed nicht auf den Anstifter zu blutigen Eroberungen reduzieren.

Ausgerechnet das religionskritische Magazin zeigt der Welt den besseren, den wahren Propheten, einen, der den Job macht, für den Götter und Propheten geschaffen sind: zu vergeben. Wenn man verstehen möchte, was die Kunst der Karikatur ausmacht, dann kann man bei Luz ein brillantes Beispiel sehen. Er bündelt viele, viele Themen des Tages in einer sehr einfachen Zeichnung. Und er bringt uns mit dem weinenden Propheten zu einem befreienden Lächeln.

Quelle: wa.de

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