Mobiles von Alexander Calder in der Kunstsammlung NRW K20

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Solides Metall, und doch wiegen sich die Mobiles von Alexander Calder in Düsseldorf im Luftzug ihrer Betrachter.

Von Ralf Stiftel DÜSSELDORF - Sacht schwingen die schwarzen, roten, silbrigen Metallblätter durch die Luft. An Drähten tanzen sie über dem Betrachter in der großen Ausstellungshalle. Sie führen ein faszinierendes Schauspiel aus Metall, Licht und Raum auf. Die Kunstsammlung NRW K20 zeigt die berühmten Mobiles von Alexander Calder – erstmals seit mehr als 20 Jahren wieder in einem deutschen Museum.

Mehr als 70 Werke des amerikanischen Bildhauers (1898–1976) zeigt das K20, vom kleinen Modell bis zur 2300 Kilogramm schweren Außenskulptur „Le Tamanoir“, die normalerweise in einem Park in der Nähe von Rotterdam zu besichtigen ist. In Düsseldorf ist sie in der Grabbehalle aufgestellt, man fürchtete Vandalismus bei einer Freiluftpräsentation. Aber sie steht vor großen Fenstern, immerhin noch im Dialog mit dem Außenraum.

Anlass für die Schau war ein Neuzugang zur Düsseldorfer Sammlung, eine Skulptur ohne Titel aus dem Jahr 1936. Und bei der Untersuchung stellte das Team des Museums fest, dass es sich um ein Klangobjekt handeln müsse, ein „Noise-Mobile“, wie Calder das nannte. Daraus ergab sich ein inhaltlicher Zugang. Schnell habe man sich mit der Calder Foundation in New York geeinigt, die von Künstler-Enkel Alexander S. C. Rower geleitet wird, berichtet Museumsleiterin Marion Ackermann, die 25 Leihgaben beisteuerte.

So kam man zu einem spektakulären Werkquerschnitt, der sich auf die 1930er und 1940er Jahre konzentriert. Es ist die Phase in Calders Schaffen, in der er die Positionen entwickelte, mit denen er weltberühmt wurde.

Ackermann und Ausstellungskuratorin Susanne Meyer-Büser streben auch eine Neubewertung von Calder an. Seine Kunst ist zugänglich. Das führte unter Fachleuten zu einem Vorurteil: Viele unterschätzen ihn als Bastler dekorativen Spielzeugs. Die Kunstsammlung zeigt aber Calders Arbeiten im Kontext von Zeitgenossen wie Piet Mondrian, Hans Arp und Joan Miró. Schnell merkt man, dass der Bildhauer auf der Höhe der Zeit war, manchmal sogar voraus. In Düsseldorf ist Calders Arbeit „Small Sphere And Heavy Sphere“ (1932/33) zu sehen. Sie hat noch nicht die Perfektion der späteren Mobiles, sie scheint aus einer anderen Zeit zu stammen. Eine große und eine kleine Kugel hängen an einer Stange über einem Ensemble aus Flaschen, einem Gong, einer Blechdose, einer Holzkiste. Wenn die große Kugel angestoßen wird, verwandelt sich die Assemblage in ein Instrument. Dann schwingen die Kugeln in freien Kurven, und die kleine schlägt die Bodenobjekte an. Es erklingt eine bizarre Zufallsmusik. Mit diesem hör- wie sichtbaren Werk schlug Calder die Brücke zu befreundeten Musikern, von Edgar Varèse zu John Cage, später einer der Begründer der Fluxus-Bewegung der 1950er und 1960er.

Calder war schon früh erfolgreich. Der Sohn eines Bildhauers ließ sich zunächst vom Zirkus inspirieren. Er formte auch Porträts aus Draht, Materialzeichnungen im Raum. Einige dieser frühen Arbeiten sind in Düsseldorf zu sehen. Ein Atelierbesuch bei Mondrian 1930 in Paris löste bei Calder eine Wende aus. Er schuf nun abstrakte Skulpturen, die mit Kurbeln oder Motoren bewegt wurden. Marcel Duchamp prägte den Begriff „Mobile“. Hans Arp nannte später die unbewegten Skulpturen „Stabiles“. Mit beweglicher Kunst hatten schon andere experimentiert, wie die Dadaisten. Aber Calder entwickelte das Konzept.

Im K20 ist Calders Kunst stimmig inszeniert. In der Klee-Halle findet man einen chronologischen Rundgang. Die meisten Klangskulpturen sind leider nur in Videos in Aktion zu erleben. Einige, wie „Small Sphere And Heavy Sphere“ werden gelegentlich in Gang gesetzt, dann merkt man den Unterschied. Dafür aber wurde ein Steg in den Raum gebaut, von dem aus man Mobiles auf Augenhöhe erleben kann.

Sehr stark ist der Dialog mit den Künstlerkollegen: Gemälde von Miró sehen aus, als habe er Calders Mobiles porträtiert. Auch die Bilder von Mondrian mit ihrer rechteckigen Strenge offenbaren eine Verwandtschaft zu frühen Calders. Auch der Bildhauer malte, 1930 schien er eine Synthese zu versuchen: In der Ecke hängt ein gelbes Quadrat wie von Mondrian, darunter scheinen eine Linie, ein Boden und ein Kreis ein Mobile anzudeuten.

Calders Skulpturen führen Phänomene vor, die man auch in der Natur findet. Ein Dokumentarfilm zeigt Lichtreflexe in der Meeresbrandung, Baumblätter im Wind. Darum wirken die Mobiles vertraut. Aber wenn man sich zwischen ihnen bewegt, merkt man, wie sie den Raum einnehmen, ruhig und selbstverständlich aussehen und doch unberechenbar sind.

Alexander Calder in der Kunstsammlung NRW K 20, Düsseldorf. Eröffnung heute, 19 Uhr, bis 12.1.2014, di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0211 / 83 81 204,

www.kunstsammlung.de

Katalog mit DVD, Hirmer Verlag, München, 29 Euro

Quelle: wa.de

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