Miles Davis Quintet: Live in Europe 1969. The Bootleg Series Vol. 2

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Beim Jazzfest Berlin 1969: Miles Davis und Schlagzeuger Jack DeJohnette. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Der Jazztrompeter Miles Davis starb im September 1991. Aber es gibt in seinem Schaffen immer noch Entdeckungen zu machen. So wie die Aufnahmen dieser CD-Box aus den „Bootleg Series“.

Bootlegs waren einst, in der Vinyl-Ära, inoffizielle, illegale Konzertmitschnitte. Sony veröffentlicht unter diesem Label Aufnahmen, die nie auf Platte herausgebracht wurden. „Live in Europe 1969“ dokumentiert eine Phase in Davis' Schaffen, die bislang als „Lost Band“ galt. Es gibt kein Studioalbum in dieser Besetzung. Und die kann sich hören lassen. Aus Miles' zweitem Quintett blieb Saxophonist Wayne Shorter. Die Rhythmusgruppe wurde erneuert und bestand aus Chick Corea am E-Piano, Dave Holland am Bass und Jack DeJohnette am Schlagzeug.

Der Trompeter befand sich 1969 in einer Übergangsphase. Mit dem Post-Bop und den modalen Experimenten war er durch. Schon Ende 1967 hatte er mit elektrischen Instrumenten experimentiert. Im Februar 1969 hatte er „In A Silent Way“ aufgenommen, ein erstes Statement in Sachen Jazzrock. Nun tourte er durch Europa, mit einem Quintett, aber mit neuen Ideen im Kopf. Man hört zwei Auftritte vom Jazzfestival d'Antibes in Frankreich aus dem Juli, einen aus Stockholm und sieht eine Fernsehaufnahme von den Berliner Jazztagen, beide aus dem November.

Die vier Konzerte, die hier auf drei CDs und einer DVD zu hören sind, bieten Querschnitte, die den Passagencharakter im Werk des Musikers reflektieren. Er kombiniert alte Hits wie „No Blues“ und „Milestones“ und Standards wie Monks „Round Midnight“ mit Stücken, die er noch nicht im Studio eingespielt hatte. So spielt er in Frankreich „Miles Runs The Voodoo Down“, das erst auf „Bitches Brew“ 1970 veröffentlicht wurde. Das Stück wurde ein Hit für den Trompeter. Die Version vom 25. Juli beginnt mit einem kernigen Rockriff, unisono von Bass und E-Piano getragen. Einen Abend später klingt das völlig anders. Im ersten Konzert folgt „Milestones“, dessen knappes Thema der Trompeter nochmal abstrahiert, indem er den letzten Ton davon auslässt. Die Band swingt zuweilen wie auf dem Höhepunkt der Bop-Ära, daneben gibt es auch völlig freie Passagen.

Hifi-Fanatiker werden an diesen Aufnahmen keine große Freude haben. Offenbar hatten besonders die Tontechniker des französischen Radios ORTF in Juan-les-Pins Mühe mit dem Sound. E-Piano und Davis‘ offen gespielte Trompete sind verzerrt. Das ließ sich auch in der Nachbearbeitung nicht korrigieren. Allerdings wiegt die musikalische Qualität das auf. Denn die Band war ausgesprochen gut aufgelegt, spielfreudig und inspiriert in den Soli. Man höre sich nur „Round Midnight“ an, dessen Thema Davis als intensives Solo, nur zu einigen Akkorden und Einzeltönen am Piano vorstellt. Nach zwei Minuten setzt die Band ein, und dann ist Schluss mit der besinnlichen Late-Night-Stimmung, Shorter spielt ein rasantes Solo über einen treibenden Rhythmus.

Und in Stockholm fiel gleich im ersten Stück, „Bitches Brew“, das E-Piano aus. Minutenlang improvisiert Shorter in einer Trio-Besetzung, während auf der Bühne umgebaut wurde. Den Rest des Konzerts absolvierte Corea dann an einem normalen Piano.

Was die Aufnahmen so aufregend macht, sind die Einblicke in die Evolution des Jazzrock, die sie erlauben. Man hat das Gefühl, die Wandlungen verfolgen zu können. Und das mit großartigen Musikern, die jung und hungrig am Beginn von Weltkarrieren standen. Davis sagte später: „Ich wünschte, man hätte uns live aufgenommen, denn diese Besetzung war wirklich ein ‚bad motherfucker‘.“ Und da hat er einfach Recht.

Miles Davis Quintet: Live in Europe 1969. The Bootleg Series Vol. 2 (Columbia/Legacy/Sony Music)

Quelle: wa.de

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