Michael Görings Roman „Der Seiltänzer“

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Romanautor Michael Göring ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Ein wenig mag Michael Göring sich einen Wunsch erfüllt haben, als er dem Pfarrer Andreas Wingert seine mutige Predigt in den Mund legte: „Wir brauchen weiß Gott keine morbiden Priester, die sich an Kindern vergehen, wir brauchen Männer der Kirche, die eine selbstbewusste Kirche vertreten, die das Wort Gottes, das Wort der Liebe, des Miteinanders, der Geborgenheit, des Vertrauens repräsentieren und vorleben, die tatsächlich Hirte sein wollen und können.“ Der Gemeindepfarrer von St. Laurentius in Waldenburg spricht aus, was viele denken, aber zu wenige sagen.

Doch die mutige Predigt, in der Andreas fordert, dass die katholische Kirche den Zölibat aufgeben, sogar homosexuelle Priester zulassen solle, hat Folgen. Eine Frau beschuldigt ihn, selbst einem Messdiener zu nahe gekommen zu sein. Nun sitzt er im Auto auf dem Weg nach Waldenburg, und sein Leben passiert Revue in seinen Gedanken.

Michael Göring, geboren 1956 in Lippstadt, heute Vorstandsvorsitzender der Zeit-Stiftung in Hamburg, packt im Roman „Der Seiltänzer“ heiße Eisen an. Sein Protagonist ist zwar unschuldig im Sinne des Strafrechts. Natürlich hat er kein Kind missbraucht. Aber unschuldig im Sinne der katholischen Lehre ist er nicht, hat seine Sexualität ausgelebt, mit Frauen, auch mit Männern. Mit seiner Freundin Lisa spricht er über die Vorwürfe und seine Ängste. Zu den Anschuldigungen kommt noch die Sorge um seinen Freund, der nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus liegt.

Aber Göring bietet mehr als nur literarische Kirchenkritik. Sein Roman schildert einfühlsam Jugend in Westfalen. Die wichtigsten Schauplätze sind zwar verfremdet, aber Waldenburg ist als Rheda-Wiedenbrück, Langenheim als Lippstadt erkennbar. Vor allem aber erzählt der Autor von zwei Freunden, Andreas und Thomas, die ihre Gefühle teilen, sich über die ersten sexuellen Erfahrungen Briefe schreiben, die einander helfen, wenn es darum geht, für den Auftritt der Band zu proben, aber auch zusammen beten, als Thomas' Mutter an Krebs erkrankt. Überzeugend zeichnet Göring den Weg nach, der Andreas zum Beruf des Priesters führt. Er ist kein vom Leben abgekoppelter Betfunktionär, sondern eine Persönlichkeit mit kraftvollen Gefühlen, mit Widersprüchen, aber auch mit einem inneren Antrieb zu Gott und Seelsorge.

Der Romantitel ist einem Bild des Expressionisten August Macke entnommen, das Thomas seinem Freund schenkt. Der Seiltänzer ist für Göring eine Metapher für Andreas' Existenz, für den schmalen, gefährlichen Pfad über dem Abgrund. In vielen Szenen macht der Autor die Faszination des Glaubens für Andreas deutlich, sei es in Kirchenbesichtigungen des Jungen im Urlaub, sei es in der Begegnung mit Gottesmännern im Dominikanerkloster, wo Pater Petrus anfangs einfach ein Klavier zum Üben bereitstellt. Göring übt keine Totalkritik an der Kirche, seine Einwände sind solidarisch gemeint.

Bei alledem hat Görings Buch aber auch Schwächen. Ein großer Stilist ist er nicht. Die Dialoge sind zuweilen ungelenk, leitartikelhafte Thesenwechsel. Und vielleicht übertreibt der Autor es etwas mit all den Schicksalsschlägen, die er seinen Figuren zumutet.

Michael Göring: Der Seiltänzer. Hoffmann und Campe, Hamburg. 352 S., 19,99 Euro

Quelle: wa.de

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