„Menschenschlachthaus“: Von-der-Heydt-Museum zeigt Bilder vom Ersten Weltkrieg

Ein Bild der Qualen: Gert Wollheims Gemälde „Der Verwundete“, zu sehen in Wuppertal. - Fotos: Museum

Von Ralf Stiftel WUPPERTAL - Das Bild schmerzt beim Anschauen: Der Mann steht auf unnatürlich gespreizten Beinen, die Arme krampft er nach oben. Grau scheint seine Haut, und er blickt aus leeren Augen. Vor allem klafft in der Bauchdecke des entblößten Oberkörpers eine schwarz-rote Wunde, aus der es in zwei Fäden fließt. Blut? Gedärm? Der Expressionist Gert Wollheim verarbeitete 1919 in dem Bild ein Trauma: 1917 hatte er an der Westfront einen Bauchschuss erlitten.

Das Werk ist in der Ausstellung „Menschenschlachthaus“ in Wuppertal zu sehen. Die Schau ist der Beitrag des Von-der-Heydt-Museums zum Gedenkjahr des Ersten Weltkriegs, der vor 100 Jahren begann. Eigentlich hatte Museumsdirektor Gerhard Finckh das Thema nicht anfassen wollen. Dann schlug sein Kollege David Liot vom Musée des Beaux-Arts in Reims ein gemeinsames Projekt vor. So arbeiten die Häuser mit mehr als 350 Exponaten auf, wie sich der Krieg in der Kunst niederschlug. Im Unterschied zur Bonner Ausstellung „1914 – die Avantgarden im Kampf“ nehmen sie nicht das ganze Europa in den Blick, konzentrieren sich auf Deutschland und Frankreich.

Das lohnt, schon weil beide Museen über hervorragendes Material verfügen. Reims war Schauplatz eines Schlüsselereignisses des Krieges. Im September 1914 beschossen die Deutschen Notre-Dame de Reims, die Krönungskathedrale der französischen Könige, einen Ort der nationalen Identität. Sinn ergab der Angriff nicht: Die Deutschen hatten die Stadt eingenommen, im Gotteshaus waren deutsche Verwundete untergebracht. Und Reims war eine offene Stadt, frei von französischen Truppen, also kein legitimes Kriegsziel. Durch die Zerstörung der Kirche zogen sich die Deutschen das Image der Barbaren zu. Ein Raum in der Schau dokumentiert das Ereignis mit Bildern und Objekten.

Hier sieht man auch, dass diese Ausstellung zwar vor allem Kunst präsentiert. Ihr Thema aber ist der Krieg selbst. In Bonn konnte man den Eindruck gewinnen, als werde der Krieg als Einfluss auf die Kunstgeschichte betrachtet. Der andere Blickwinkel in Wuppertal mag durch eine These Finckhs motiviert sein. Er glaubt, dass die Kunst vom Krieg überfordert war. „Das Entsetzen kann man nicht malen“, so Finckh. Andere Medien hätten das geleistet: die Fotografie, der Film, die Literatur.

Der Literatur entstammt auch der Ausstellungstitel: „Das Menschenschlachthaus“ ist der Titel eines Romans, den der Hamburger Volksschullehrer Wilhelm Lamszus 1912 veröffentlichte. Er sah die Technisierung der Kriegsführung voraus: „Das Kriegsmaschinenwesen hat sich zu genialer Höhe, zu künstlerischer Höhe entwickelt“, schreibt er. Auch das erfährt der Besucher: Neben den Kunstwerken gibt es Filmszenen von der Front in Großprojektionen, Fotos, immer wieder Auszüge aus Romanen und Tagebüchern von Henri Barbusse, Erich Maria Remarque und anderen.

Finckhs These ist überspitzt. Auch wenn Wollheim im „Verwundeten“ Muster von Passionsdarstellungen verwendet, in den Überdehnungen der Glieder vielleicht an Grünewald anknüpft, so findet er doch eine besondere emotionale Intensität. Diese Nähe stellen kleine Fotos nicht her, die oft aus der Distanz aufgenommen wurden. Mit guten Gründen sieht Finckh Otto Dix’ Mappe „Der Krieg“ im Zentrum der Schau. In 50 Radierungen bannt er den ganzen Schrecken. Er zeigt Tote im Stacheldrahtverhau, flüchtende Mütter bei der Bombardierung von Lens, den Überfall einer „Schleichpatrouille“. So furchtbar die Fotoporträts von Soldaten mit klaffenden Gesichtswunden sind: Dix’ brutale Ansichten halbverwester Leichen im Schützengraben stehen ihnen nicht nach. Auch das konventionellere Aquarell „Der Schlamm“ von Charles Jodelet (1916) vermittelt die Situation im Schützengraben „näher“ als Fotos. Man sollte die Kunst nicht voreilig abschreiben.

Die Schau ist entlang der Chronologie aufgebaut. Sie beginnt mit der Vorkriegssituation, in der es einen grenzüberschreitenden Austausch der Avantgarden gab. Ein Fest der Farben mit Werken von Picasso, Kandinsky, Vallotton, Macke. Davor sieht man Porträts der Generäle, die für ein Ende dieser Blüte sorgten. Es folgen Arbeiten, die der geistigen Mobilmachung dienten, sei es Ernst Barlachs Skulptur des „Rächers“ (1914), seien es französische Karikaturen des deutschen Kaisers und seiner Familie als Topfpflanzen von Gustave Wendt. Viele Künstler zogen freiwillig in den Krieg – und erlebten oft Ernüchterung oder Traumatisierung, wenn sie überhaupt überlebten und nicht fielen, wie Macke, Marc, Morgner. In einem Selbstporträt von Oskar Kokoschka von 1917 zeigt er auf seine Brust. Es ist die Stelle, wo er von einem Bajonettstich getroffen wurde.

Französische Künstler arbeiteten als Kriegsmaler wie Maurice Denis, der Ansichten von der Front schuf, zum Beispiel ein Geschütz porträtierte. Nach der Beschießung der Kathedrale von Reims malte er die „Barbarei“ (1915), ein Schwein mit preußischer Pickelhaube, das über ein schreiendes Kind herfällt.

Am Ende stellen zwei Räume die Kunst nach dem Krieg vor. So weit sind Frankreich und Deutschland nicht voneinander entfernt. Die Bilder von Beckmann, Gris, Bonnard wirken ernster als die Werke vor 1914. Heinrich Hoerles geometrische Stilisierung korrespondiert mit den Kompositionen von Fernand Léger. Nur dass der Deutsche ein „Denkmal der unbekannten Prothesen“ malte.

Menschenschlachthaus im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal. Bis 27.7., di – so 11 – 18, do bis 20 Uhr. Tel. 0202/ 563 26 26, www.von-der-heydt-museum.de, Katalog 25 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare