„Mehr Liebe“: Erzählungen von Frank Schulz

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Frank Schulz

Von Ralf Stiftel ▪ Noch 40 Jahre danach sprechen Fans vom Jahrhundertspiel, das am 17. Juni 1970 in Mexiko-Stadt zwischen Deutschland und Italien ausgetragen wurde. Damals wurde auch in Beeckdörp bei Stade Fußball gespielt.

„Stan Libuda grätscht vor Overath in den Paß, klebt sich das runde Leder an den Schuh, dribbelt locker auf Sepp Maier zu – ,Torwart rauuus!' schreit Gerd Müller, zu faul oder zu stolz nachzusetzen – und semmelt das Ding ins lange Eck.“ So beginnt Frank Schulz seine Erzählung „Sehnsuchtsglühen“. Maier, Müller, Overath – so nennen sich die Dorfjungs nach ihren Idolen. Sie haben einen Plan X: Das Halbfinalspiel heimlich anzuschauen, im Treff der „Jugentgruppe“. Der mitgebrachte Fernseher hat keinen Ton, zeigt Schneetreiben. Aber dann kommt noch Karin Kolk. So wird es für Sepp Maier alias Bodo Morten ein unvergesslicher Abend.

„Sehnsuchtsglühen“ verbindet zwanglos zwei ganz große Gefühle: die Liebe zum Ballspiel und die zum anderen Geschlecht. Die Geschichte findet sich in Schulz' grandiosem Erzählband „Mehr Liebe“. Der Schriftsteller versammelt „heikle Geschichten“, zum Teil schon vorher veröffentlicht, aber für dieses Projekt vorgesehen. Schulz ging von einem Aphorismus von Marie von Ebner-Eschenbach aus: „Die meisten Menschen brauchen mehr Liebe, als sie verdienen.“

Schulz, geboren 1957 in Hagen bei Stade, hat sich spätestens mit dem Roman „Morbus fonticuli“ (2001) als unverkennbare Stimme in der Literaturszene etabliert. Auch seine Erzählungen sind souverän gearbeitet. Bodo Morten, Schulz' alter ego, hat gleich mehrere Auftritte, und die „Collage“ mit dem Titel „Weiße Katze“ aus dem Pop-Tetrameron führt wieder in die Pubertät, diesmal auf eine Fete, bei der ein Rock-Klassiker gespielt wird: Led Zeppelins „Black Dog“. Einfach wunderbar, wie Schulz die Stimmungsausschläge eines Abends nachzeichnet. Purer Rock'n'Roll.

Die Liebe tritt in vielen Schattierungen auf. In „Männertreu“ findet Dörchen Possehl in der Jackentasche ihres Mannes ein Zündholzbriefchen aus dem „Moulin Rouge“ auf der Reeperbahn. Sie schaut im Striplokal nach, was Lothar da wohl gesucht hat. Und sie findet eine überraschende Antwort. Schulz erzählt mit großer Zärtlichkeit für die alte Dame, und manche Sätze sind einfach so, für sich genommen, ein Gedicht: „Dörchen schlurft, um das Laub zum Rascheln zu bringen.“

Schulz formuliert oft komisch, aber er bleibt auf Augenhöhe mit seinen Figuren. Da ist eine furchtbar traurige Geschichte über einen Jungen, Mutter arbeitet, Vater säuft, er hat einen dicken älteren Jungen eingeladen, weil er so einsam ist. Der Dicke schwallt ihn zu: „Vagina Mae, Mann. Du kenns' Vagina Mae nich', Mann? Das Chick von Nigger Beelzebub? Voll cool, die Bitch, Alter.“ Wieder stimmt jeder Ton, man hört das beim Lesen.

Eine Fülle von Themen handelt Schulz ab: Ein Mann schießt Tauben ab, eine Brauereiangestellte wird ermordet, ein Ping-Pong-Match ausgetragen, eine Frau trifft auf der Hochzeitsreise die Liebe ihres Lebens, die leider nicht ihr Mann ist, und ein Mann versucht auf Amrum, mit der Bulimie seiner Frau zurechtzukommen.

In diesen Geschichten überzeugt nicht nur eine Sprache, die alle Stimmen, Dia- und Soziolekte trifft, die Charaktere fein zeichnet. Schulz hält sich nicht mit Allerweltsgeschichten auf, er ist auch noch originell. Sein Humor scheut nie die Fallhöhe zum Absoluten. Ein Patient fragt bei ihm den Doktor: „... issäs normorl, däß mir die Schormhore ausgehn?“ Der Dialekt ist hier alles andere als abwertend. Auch die Antwort von Dr. Nieuwenhuis klingt zwischen der klinischen Beschreibung eines Todkranken nicht zynisch, sondern fast tröstlich: „Man nennt das Bauchglatze.“

Frank Schulz: Mehr Liebe. Galiani Verlag, Berlin. 295 S., 19,95 Euro

Quelle: wa.de

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