„Medea“ und „Labdakiden“ am Schauspielhaus Bochum

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM –Breitbeinig wie eine Gebärende hockt Nadja Robiné auf dem Kissen. Doch sie spielt einen Kindsmord, die Mutter nimmt das Leben, das sie einst schenkte, zurück.

Mit bestürzender Intensität zeigt sie den Schmerz, die Trauer und den Stolz auf ihrem Gesicht. Die Szene ist streng stilisiert. Man sieht kein Kind, nur einen Kreideumriss auf dem Bühnenboden. Und doch erleben die Zuschauer das Ungeheuerliche, dass so ein Sohn stirbt, dann schleppt sie sich quer über die Bühne zur zweiten weißen Silhouette, zum zweiten Kind, zum zweiten Mord. Die Zuschauer am Bochumer Schauspielhaus leiden mit dieser Frau, mit Medea, der viel Unrecht geschah, ehe sie Täterin wurde.

Der tunesische Regisseur Fadhel Jaibi inszeniert die Tragödie des Euripides in einer modernisierten Fassung in den Kammerspielen. Ein großes Erlebnis. Gleich zwei Premieren in Bochum waren griechischen Tragödien gewidmet. Tags drauf hatte im Schauspielhaus Roger Vontobels Inszenierung der „Labdakiden“ Premiere. Der Regisseur bündelt vier Dramen von Sophokles, Aischylos, Euripides zu einer „Politsaga“ von „König Ödipus“ bis „Antigone“. Die Abende zeigen die Leistungskraft des Hauses.

Jaibi hat mit der Autorin Jalila Baccar eine neue Fassung geschaffen, in der Medea eine Muslimin aus Anatolien ist, deren Familie einen kostbaren Schatz hütet: nicht das Goldene Vlies, sondern eine islamische Handschrift. Der Grieche Jason, ein Dieb, raubt mit Medeas Hilfe das Buch, wobei er den Bruder Kemal ersticht. Das Paar flieht ins Ruhrgebiet. Dort bietet Jason seine Beute dem Hehler und Gangsterboss Kreon an. Schritt um Schritt, Figur um Figur wird die Tragödie umgedeutet. Trotzdem bleibt das Drama erhalten. Nichts wirkt erzwungen, jeder Handlungszug entwickelt sich organisch in dieser Umdeutung. Am Anfang ist die Tat geschehen, mit Plastikband wird der Tatort abgesperrt. Ein Richter, der aussieht wie eine Revierausgabe von Columbo mit zerknautschtem Trench und Hut, befragt die Beteiligten.

Es ist berückend, welche Spielfreude Jaibi entfacht. Die Bühne (Kays Rostom) ist ein grauer Kasten mit Bänken, darüber eine Leinwand, auf der manchmal ein Video von roter Flüssigkeit in Wasser läuft, Blutwolken. Die Geschichte bekommt eine spielerische Leichtigkeit, ja, komische Momente, wenn zum Beispiel Medeas Cousin seinem gestohlenen Gemüselaster nachjammert. Oder wenn Kreon den Blues zur Ukulele eines Transvestiten auf der Mundharmonika bläst. Selbst das Leben von Flüchtlingen in einem unwirtlichen Duisburg kennt nicht nur tristes Grau, gaukelt Jaibi dem Publikum vor, um es dann mit den Schicksalsschlägen für Medea voll zu treffen. In dieser grandiosen Überblendung von Antikem auf die Gegenwart bringt Jaibi sogar ein Pärchen von Islamisten unter. Er motiviert die Handlungszüge des 2500 Jahre alten Dramas mit gegenwärtigen Problemen. Er erzählt mit der Tragödie von Migration und der Alltagsnot der Habenichtse in der Wohlstandsgesellschaft, von Vorurteilen und Terrorangst, ohne dem Stoff Gewalt anzutun.

Nadja Robiné vermittelt, wie die Titelfigur von einem lebenslustigen Mädchen zu einer leidenschaftlichen Frau reift, dann zu einer in die Enge getriebenen Kreatur wird. Stephan Ulrichs Jason hat jungenhaften Charme, später zeigt er den rücksichtslosen Karrieristen. Das übrige Ensemble teilt sich viele Rollen, stellvertretend sei Matthias Redlhammer genannt, der hinreißend mal den Richter gibt, mal den neureichen Kreon. Großer Jubel für eine ebenso ungewöhnliche wie stimmige Deutung.

In die Gegenwart übersetzt auch Roger Vontobel seine Tragödien-Kompilation. Er fasst das Schicksal der Labdakiden zu einem großen Epos zusammen. Es beginnt bei Ödipus, der selbst aufdeckt, dass er seinen Vater ermordete und seine Mutter heiratete. Es führt zum tödlichen Streit seiner Söhne um Theben und endet mit Antigone, die den Leichnam des Bruders gegen den Befehl Kreons beerdigt. Ein Drama folgt aus dem vorhergegangenen, da ist es schlüssig, alles in einem Zug zu erzählen.

Vontobel spielt Gegenwart. In der Staatskrise Thebens, als die Pest wütet, demonstriert der Chor wie „Stuttgart-21“-Gegner. Die Darsteller skandieren Parolen, es wird laut. Ödipus (Paul Herwig) betritt die Szene als Politführer, ein antiker Obama, der ans Mikro tritt, mit dem Finger auf einzelne Zuschauer deutet und beteuert, dass er das zu „meiner Sache“ mache. Antigone, Ismene, Polyneikes und Eteokles spielen noch als Kinder auf dem Teppich, während hinter geschlossenen Türen Ödipus und sein Kabinett den Staat lenken. Immer wieder zitiert Vontobel Medienbilder, lässt Ödipus Kinder auf den Arm nehmen, mit Iokaste posieren wie für einen Wahlspot.

Gut dreieinhalb Stunden dauert der Zug durch die Antike. Das fordert den Zuschauer körperlich, weil die Inszenierung drastische Gewaltdarstellungen so wenig scheut wie schmerzhafte Lautstärken bei verstärkten Stimmen und hartem Rock. Vontobel zeigt, wie die Tragödien irdischer Machtpolitik entspringen. Ödipus sieht anfangs in seinem Schwager Kreon den Rivalen, der Teiresias zu Weissagungen angestiftet hat. Eteokles bricht den Regierungsvertrag mit Polyneikes und lässt sich auf keinen Kompromiss ein. Kreon kennt keine Gnade gegenüber Antigone, weil das seine Autorität schwächen könnte. So unterschiedlich die Akteure, ihr Antrieb ist der gleiche. Ohne es auszusprechen, stellt Vontobel die Schicksalhaftigkeit der Ereignisse in Frage.

Allerdings leidet der Abend unter der Stofffülle. Vier Dramen im Schnelldurchlauf, das verlangt Distanz und Abstraktion. Vontobel verdeutlicht den Handlungsablauf. Aber für Motive und Einstellungen bleibt weniger Raum. Zugänglicher sind „König Ödipus“ und die „Antigone“, weil die Stoffe vertrauter sind als der Mittelteil. Es gelingen aber überwältigende Bilder, zum Beispiel im Schlussstück, bei dem die Toten, bleich geschminkt und blutig, Zeugen der Geschehnisse werden.

Das Ensemble zeigt auch in dieser Produktion seine Leistungsfähigkeit. Paul Herwig macht im Ödipus anfangs die routinierte Rhetorik des Politikers kenntlich, und er entwickelt schön, wie Misserfolge das Charisma der Figur schwächen. Später tritt er noch als Geblendeter Greis auf, im Duktus des abgeklärten Elder Statesman. Großartig Lena Schwarz als Antigone, eine von ihren Gefühlen Getriebene, rücksichtslos und damit gefährlich für die Ordnung. Michael Schütz gibt dem Kreon die Konturen des Nachzüglers, der Fußstapfen eines Vorgängers füllen muss und mehr Pflicht- als Selbstbewusstsein entwickelt. Seine Unsicherheit macht ihn so stur.

Großer Beifall auch für diese Produktion.

Die Stücke

Zweimal Antike am Schauspielhaus Bochum: Fadhel Jaibi verlegt Medea ins Ruhrgebiet von heute. 13., 15., 20., 23.10., 1., 7., 24.11.,

Roger Vontobel wagt einen Politzyklus um Ödipus und seine Nachfahren: Die Labdakiden. 15., 21., 24.10., 12., 24.11.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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