Mechthild Großmann begeistert in „Der Besuch der alten Dame“ in Bochum

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Die Rächerin in der Kleinstadt: Szene aus Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ in Bochum mit Mechthild Großmann als Claire Zachanassian und Matthias Redlhammer als Alfred Ill.

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Die Tür zum Zuschauerraum springt auf, Träger schleppen eine Sänfte herein. „Bin ich in Güllen?“ dröhnt der Damenbass, dass es die Leute im Schauspielhaus Bochum in die Sessel drückt. Von da an beherrscht Mechthild Großmann die Szene.

Inzwischen kennen die meisten die Darstellerin als kettenrauchende Staatsanwältin im „Münster“-Tatort. Dabei hat sie die Bühne nie ganz verlassen. In Bochum war sie schon in den 1970er Jahren engagiert, ehe sie ins Ensemble von Pina Bausch wechselte. Nun ist sie die Idealbesetzung in Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“. Intendant Anselm Weber hebt als Regisseur einen etwas abgesunkenen Schatz des Repertoires.

Eine Rächerin kehrt zurück und kauft sich das Leben des Mannes, der sie einst mit einem Kind sitzen ließ und vor Gericht austrickste. „Gerechtigkeit“, sagt sie einmal verträumt und strahlt plötzlich: „Ich kann sie mir leisten.“ Claire Zachanassian ist Milliardärin, weil sie im Bordell die Liebe des armenischen Magnaten gewann. Diese moderne Medea verspricht dem verarmten Güllen eine Milliarde, wenn jemand den treulosen Alfred Ill umbringt.

Sie stapft über die Bühne wie ein wildes Tier. Schon durch diese Präsenz drückt sie das Kleinstadtpersonal an die Wand. Hinreißend schaltet sie um von Klage zu Anklage, wenn sie sich als Claire an ihren Abgang aus der Stadt erinnert. Verletzlich beginnt sie: „Es war Winter...“ Selbst, als sie auftrumpft: „Nun stelle ich die Bedingung...“, brüllt sie nicht. Aber ihre tiefe Stimme verhärtet sich, dass es jeder im Haus vernimmt. Man hört so viele Töne von ihr an diesem nicht mal zweistündigen, pausenlosen Abend. Die kindliche Freude über ihre „zweitkürzeste Ehe“. Diese heimtückische Direktheit, wenn sie Ill auffordert: „Erzähl mir von mir.“ Das Selbstmitleid mit whisky-schwerer Zunge. Dem Polizisten geht sie hemmungslos an die Wäsche. Und bei alledem überspielt sie nicht, sondern fügt sich ins Ensemble, lässt ihren Nebenleuten durchaus Raum zur Entfaltung.

Und die nutzen das: Matthias Redlhammer gibt dem Ill jene Charaktertiefe, für die in Dürrenmatts strenger Konstruktion eigentlich kein Platz ist. Da leidet man mit dem gemobbten, bedrängten Schuft von einst. Und wie er darauf besteht, dass die Güllener bei seinem Tod schon selbst Hand anlegen müssen, das gibt der Figur die Würde, die sie verdient.

Die Inszenierung ist schon ein Erfolg: Für alle Vorstellungen bis in den Juni gibt es nur noch Restkarten. Sicher wegen der Protagonistin. Aber Weber spekuliert nicht bloß auf seinen Star. In seiner Inszenierung erweist sich Dürrenmatts moderner Klassiker aus der Wirtschaftswunderzeit als sehr anwendbar für eine ganz anders gestimmte Gegenwart.

Am Anfang blicken drei Güllener (Kristina Peters, Günter Alt, Klaus Weiss) ins Publikum aus einem Wandausschnitt wie typische Ruhrgebiets-Fenstergucker. Und sie beklagen den Verfall der einst florierenden Industriestadt – wer dächte da nicht an einstige Stahl-, Zechen-, Opelpracht? Auch Bochum, wo noch ICE-Züge halten, könnte eine alte Dame brauchen.

Weber hat beherzt gekürzt, für Boby (Daniel Stock) den einstigen Richter durch den gekidnappten Sohn des Meineid-Zeugen ersetzt, die plappernden blinden Kastraten entsorgt. Statt gelber Schuhe haben die Güllener Mobiltelefone als Kennzeichen ihrer Verführbarkeit. Trotzdem fühlt sich die Inszenierung werktreu an.

Weber nimmt die Komödie eher zurück, zeigt das Geschehen als wuchtige Tragödie. Er erzählt von den Verlockungen des Wohlstands. Er zeigt den moralischen Bruch der Güllener. Einerseits berufen sie sich auf die Werte des abendländischen Humanismus. Roland Riebeling als Lehrer versammelt sie immer wieder als Chor, der einschlägiges Liedgut vorträgt, präzise eingeübt, wie Schillers „Freude schöner Götterfunken“. Das aber bleibt Fassade, sie lassen sich als Mörder kaufen. Dürrenmatts Lehrstück wird politisch wie moralisch ausgereizt – und erweist sich so als hoch aktuell.

12., 15., 16., 31.5., 7., 19., 27., 28.6.; Tel. 0234/ 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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