Ian McEwans Justizroman „Kindeswohl“

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Ian McEwan

Von Ralf Stiftel - Fiona Maye, Richterin am High Court in London, entscheidet über Leben und Tod. Die Heldin in Ian McEwans Roman „Kindeswohl“ bearbeitet familienrechtliche Fälle. Bei den siamesischen Zwillingen lässt sie die Trennungsoperation zu, bei der Matthew sterben und Mark gerettet wird. Ohne den Eingriff wären beide dem Tod geweiht.

Diese große Macht führt dazu, dass sich Fiona Maye oft mit religiösen Überzeugungen konfrontiert sieht. Wie bei Adam Henry, 17 Jahre jung und damit gerade noch minderjährig. Leukämiekrank. Die Chemotherapie wird er ohne Bluttransfusion nicht überleben. Aber genau das verbietet der Glaube der Zeugen Jehovas. Mit verunreinigtem Blut würde er aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Die Richterin muss abwägen zwischen Seelenheil und Existenz – und zwar schnell, denn die Therapie muss bald erfolgen.

Der britische Bestsellerautor („Abbitte“) hat ein Gespür für Themen, die in der Luft liegen. Nicht erst seitdem der Fanatismus blutig geworden ist, entfalten Religion und Ideologien gesellschaftliche Wirkung. McEwan schildert, wie die westliche Gesellschaft mit extrem abweichenden Minderheiten umgeht – und vor allem, wie sie die eigenen Überzeugungen dabei bewahrt. Adam hätte als 18-Jähriger das Recht, die Transfusion zu verweigern. Darf die Richterin den jungen Mann, der sich, als sie ihn besucht, als vernünftig, reflektiert, reif erweist, bevormunden, bloß weil sie das Leben höher einschätzt als den Glauben, in dem er erzogen wurde?

Der Roman fiel für McEwans Verhältnisse schmal aus, knapp über 200 Seiten. Dabei enthält er viele Beispielfälle, er behandelt juristische und rechtsphilosophische Fragen, und trotzdem ist er keine bloße Bebilderung eines Problems. Fiona Maye durchlebt gerade eine Ehekrise, ihr Mann hat eine Affäre mit einer jüngeren Frau begonnen. Getrieben von Selbstzweifeln, ist die Juristin verletzbar. Dadurch wird sie berührt von Adam – und überrascht, dass der ihre Nähe sucht, Halt, weil er sich ihrem Urteil zugunsten einer Transfusion unterwirft.

Für manche Leser mag es unbefriedigend sein, wie McEwan die recht banale Ehegeschichte mit dem komplexen Rechtsfall vermischt. Aber mit diesem Zug relativiert er das Glücksversprechen des liberalen Rechtsstaats. Garantien hat der so wenig zu bieten wie die verquasten Überzeugungen der Sekte. Es erhöht die Last, die auf Fiona Mayes Schultern drückt. Es gehört zu den Stärken des Buchs, wie McEwan Gerechtigkeit walten lässt: Die Zeugen Jehovas werden nicht denunziert. Adams Eltern erscheinen als liebevolle, fürsorgliche Eltern, denen das Leiden ihres Sohns durchaus Schmerzen bereitet. Und die Richterin ist eben kein Übermensch.

Das Kindeswohl des Titels ist mehr als nur ein Alltagsbegriff. Fiona Maye führt es als Rechtskategorie ein aus einem Präzendenzurteil des Richters Ward, das in die Rechtsgeschichte einging. Aber was dem Kindeswohl eines 17-Jährigen dient, das bleibt fragwürdig. Vielleicht hat ja der kranke Adam recht, der ihr sagt, „dass Mylady sich in Dinge einmischt, die sie nichts angehen“. Das wiederum kann man auch als Stärke des Romans sehen: dass er an Widersprüchen zeigt, wie man Freiheit leben muss.

Ian McEwan: Kindeswohl. Deutsch von Werner Schmitz. Diogenes Verlag, Zürich. 224 S., 21,90 Euro

Quelle: wa.de

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