Novelle "Die Apokalypse nach Richard"

Matussek-Interview: "Wir sind ziemliche Diesseits-Trottel"

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Mit seiner Novelle „Die Apokalypse nach Richard. Eine festliche Geschichte“ hat Spiegel-Autor Mathias Matussek bei einer Lesung im Bayerischen Hof begeistert.

München – Mit seiner Novelle „Die Apokalypse nach Richard. Eine festliche Geschichte“ hat Spiegel-Autor Mathias Matussek bei einer Lesung im Bayerischen Hof begeistert. Wir sprachen mit ihm über das Buch, Wunder und den Weltuntergang.

Nein, der Weltuntergang, den viele aus dem Maya-Kalender herauslesen wollen, ist nicht das einzig Fürchterliche, was uns aktuell ins Haus steht. Eine anderes Schreckensszenario ist da viel näher. Noch verbleiben hoffentlich ein paar Tage, bis die jährliche Dauerbeschallung mit „Oh Tannenbaum“ und „Jingle Bells“ in den Elektromärkten, Discountern und Boutiquen wieder einsetzt. Richtig: Das Weihnachtsfest steht turnusgemäß vor der Tür. Und im Zentrum von Matthias Matusseks Novelle „Die Apokalypse nach Richard“.

Geladen zur Münchner Lesung des prominenten Spiegel-Reporters, der im vergangenen Jahr mit „Das katholische Abenteuer“ eine nicht weniger eloquente wie erfolgreiche Streitschrift für den katholischen Glauben vorlegte, hatte für Donnerstagabend der Junioren-Kreis des Export-Clubs Bayern. Das urig-heimelige Ambiente im rustikalen Palais-Keller des Nobelhotels passte durchaus zum gängigen Weihnachts-Bild. Denn: Wer schon keine Antennen mehr für den religiösen Gehalt des Festes hat (ein Blick in Wikipedia verrät: Es geht um die Menschwerdung Gottes), der schätzt Weihnachten immerhin noch als Fest der Versöhnung, bei dem keinesfalls die gebratene Ente fehlen darf. Einmal im Jahr haben sich alle lieb, egal wie viel Entfremdung und Zoff vorausgegangen ist.

Diesem Wunschtraum hängt auch die Familie von Richard König nach, der Hauptfigur in Matusseks Roman. Ein Haufen unterschiedlichster Chaoten. Da ist der pubertierende Teenager Nick. Dann der kämpferische Journalist Roman. Die Bilderbuch-Hausfrau Waltraud. Und nicht zuletzt eben Richard, das tief religiöse und vom Alter gezeichnete Familienoberhaupt. Just zum Weihnachtsfest bricht ein Wunder in dessen Leben ein. Seine altersbedingte Sehschwäche ist plötzlich weggewischt, der ungetrübte Blick aufs Leben wieder freigelegt. Ein Fingerzeig des Herrn? Dann noch ein Wunder: Der illustre Haufen namens Familie findet plötzlich zu Harmonie und Zusammengehörigkeit. Und ganz nebenbei scheint auch das Weltende, die biblische Apokalypse, vor der Tür zu stehen. Mehren sich nicht die Zeichen? Schmelzende Polkappen? Unerklärliche Lichterscheinungen am Himmel? Richard scheint nicht der einzige zu sein, dem auffällt: Das Ende steht vor der Tür. Keine Frage: Matusseks Novelle zieht den Leser von der ersten Seite in ihren Bann. Auch die Zuhörer im Bayerischen Hof zog der Journalist bei seiner Lesung in den Bann der Erzählung. Wir sprachen mit Matthias Matussek hinterher über „Die Apokalypse nach Richard“.

Herr Matussek, ihre letztes Buch, „Das katholische Abenteuer“ war eine Streitschrift für den katholischen Glauben. In ihrem neuen Buch, der „Apokalypse nach Richard“ dominieren die leisen Töne. Wie unterscheidet sich diese Novelle vom „katholischen Abenteuer“?

Das „katholische Abenteuer“ war ein heftig argumentierendes Buch, ein Thesenbuch, es war sehr streitbar. „Die Apokalypse nach Richard“ ist eine Novelle. Ich dachte mir: Wenn man über Wunder redet, und es geht in diesem Buch ja über Wunder, dann muss man die Tonart wechseln. Über Wunder kann man nicht in Thesen reden. Da braucht es eine andere Melodie und da habe ich mich für die Erzählung entschlossen. Ich wollte ja auch eine Familiengeschichte schreiben. Der Protagonist Richard sammelt seine Getreuen um sich, weil er weiß: Die Familie ist das Wichtigste. Wir können alles überstehen, wenn die Familie zusammen ist. Also ist das Buch nicht nur Beschwörung von Wundern sondern auch Beschwörung von Familie.

Haben wir modernen Menschen verlernt an Wunder zu glauben? Müssen wir wieder mehr an Wunder glauben?

Das glaube ich schon. Die Geschichte fängt ja an mit einem Wunder. Richard kann wieder sehen. Vielleicht war es der Graue Star, der plötzlich weg ist. Man weiß es nicht. Aber Richard kann sehen. Das bedeutet auch, dass er Dinge sieht, die andere nicht mehr sehen. Und das ist in der Weihnachtszeit die Ankuft des Herrn, die Ankunft des Menschensohns. Er spürt eine große Erschütterung. Und das hat nichts mit Geschenken zu tun, sondern mit einem Einbruch in die Geschichte. Wir haben Weihnachten ja mit allerlei Firlefanz verbunden. Aber Richard lebt in dieser vorweihnachtlichen Erwartung des Herrn und er kann plötzlich sehen. Und dann passieren weitere Wunder in der Geschichte. Nicht das Geringste ist, dass diese merkwürdige, dysfunktionale Familie wieder zusammenfindet, sich versteht und unter dem Weihnachtsbaum Frieden schließt. Aber ich will nicht zu viel verraten.

Warum nimmt die Apokalypse, das Weltende oder Weltgericht, einen zentralen Stellenwert ein in Ihrem Buch? Etwa, weil sich zum Ende des Jahres 2012 mit Blick auf einen Maya-Kalender die Stimmen der Weltuntergangsprediger mehren?

Naja, schauen Sie sich mal um. Nicht nur Richard erkennt viele Zeichen, dass die Welt aus den Fugen gerät. Wir haben derzeit auch ein Sachbuch in der Spiegel-Bestsellerliste, das heißt „Die Welt aus den Fugen“...

Sie meinen das aktuelle Buch von Peter Scholl-Latour, in dem er die aktuellen Brandherde der Welt analysiert?

Genau. Natürlich ist es eine Spielerei mit dem Maya-Kalender. Ich bin sogar froh, die Maya endlich widerlegt zu haben. Denn die Welt geht in der „Apokalypse nach Richard“ nicht am 21. Dezember unter, sondern am 24. Dezember, um 17 Uhr Hamburger Ortszeit, kurz nach der Bescherung. Aber die Vorlage für dieses Buch, die Apokalypse des Johannes endet ja in einem großen Hoffnungs-Hymnus. Auch Richard weiß: Die Apokalypse ist die Vorbereitung für einen Zustand des Glücks. Des tausendjährigen Friedens. Er sieht dem Weltuntergang mit großer Gelassenheit entgegen. Es ist trotzdem nicht schlecht, die Familie dann bei sich zu haben. Richard checkt wie ein Hirtenhund, dass die Familie am Heiligen Abend zusammen ist, weil er weiß: Familie ist wichtig.

Und Sie persönlich sehen dem Jahresende 2012, dem von vielen prophezeiten Weltuntergang relativ gelassen entgegen?

(Lacht) Ja. Aber ich werde den Deibel tun und sagen: Die Welt geht nicht unter. Denn wir wissen es schlichtweg nicht. Wie heißt es im zweiten Petrusbrief? „Daß ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag.“ Wir wissen nicht, wann die Welt untergeht. Aber es hilft uns, wachsam zu sein. Es hilft, mit einer höheren Bewusstheit auf das Ende hin, das uns alle irgendwann einmal ereilt, zu leben. Wie Paulus im Korintherbrief sagt: „Habt, als ob Ihr nicht hättet.“ Also mit einem Bein tatsächlich im Jenseits zu stehen. Wir sind halt leider ziemliche Diesseits-Trottel. Unsere ganze Kultur ist aufs Diesseits ausgerichtet. Wir meinen: Wir müssen aus diesem einmaligen Leben alles herausschlagen an Genüssen und Erlebnissen und Abenteuern, als ob es kein Jenseits gibt. Aber ich glaube: Es gibt ein Leben nach dem Tod!

Ihre Empfehlung lautet also: Wer mit einem Bein im Jenseits steht, der kann der Apokalypse, ob sie jetzt Ende 2012 eintritt – oder wann auch immer – relativ gelassen entgegensehen.

Das würde ich so sagen. „Seid vorbereitet!“, ist schließlich das, was uns Jesus in vielen Gleichnissen sagt. Und es gibt auch für jeden von uns den eigenen Weltuntergang: Nämlich den Tod. Es ist wichtig zu wissen, dass wir letztlich nichts festhalten können. Auch die Schnäppchen- Anlage von Saturn für 49,99 Euro hat irgendwann ein Verfallsdatum...

Interview: Franz Rohleder

Matthias Matussek: "Die Apokalypse nach Richard: Eine festliche Geschichte". Aufbau-Verlag. 16,99 Euro

Übrigens: Am Freitag liest Matussek auch ab 19.30 Uhr bei der Domspatz-Soirée im Hansa-Haus (Brienner Straße 39) in München

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