Matt Ruffs schräger Roman „Mirage“

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Entwirft im Roman „Mirage“ eine Gegenwelt unter arabischer Vorherrschaft: Matt Ruff.

Von Ralf Stiftel Alles ist anders in der Welt dieses Romans. Nicht die USA sind die Weltmacht Nummer 1, sondern die VAS, die Vereinigten Arabischen Staaten. Auch hier erschütterte ein Terroranschlag auf Zwillingstürme die Welt, aber er geschah nicht am 11. September, sondern am 9. November 2001. Die christlichen Selbstmordattentäter steuerten die Flugzeuge ins Welthandelszentrum von Bagdad, und das vierte Flugzeug, das auf Mekka zielte, wurde von mutigen Passagieren zum Absturz gebracht.

Die Parallelwelt schuf Matt Ruff in „Mirage“. Diese Art Erzählung ist zu einem eigenen Genre gereift, angeregt durch Robert Harris’ Roman „Vaterland“ (1992), in dem Hitler den Weltkrieg gewonnen hat. Der dschibutische Autor Abdourahman A. Waberi veröffentlichte 2006 den Roman „Die vereinigten Staaten von Afrika“ (deutsch 2008), in dem er Europa als Entwicklungskontinent einem hochentwickelten Afrika gegenüberstellt.

Ruff, 1965 geboren, Sohn eines lutheranischen Pastors mit deutschen Vorfahren, wohnt in Seattle. „Mirage“ ist sein fünfter Roman, und er reflektiert auf sehr pointierte Weise die besonderen Neurosen der US-Gesellschaft unter Bush und später. Lustvoll wendet er die vertraute Welt um, mit bösartigem, überraschend gut abgeleitetem Humor. So ist Israel der wichtigste Verbündete der VAS. Das Land liegt mitten in Europa. Nachdem Hitler besiegt war, wurde Deutschland geteilt. Die nördliche, jüdische Hälfte hat große Teile Bayerns und Schwabens besetzt und schickt nach Terrorangriffen gerade Bomber nach Wien. Bis in Details ist die Welt gespiegelt, sogar einen Golfkrieg gab es, allerdings im Golf von Mexiko zwischen amerikanischen Teilstaaten.

Erzählt wird eine richtige Agentenstory um drei Mitarbeiter des Heimatschutzministeriums. Mustafa al-Bagdadi, Samir Nadim und Amal al-Maysani sind einer finsteren Verschwörung auf der Spur. Ein christlicher Terrorist, den sie in Bagdad erwischten, hat seltsame Dokumente bei sich, die darauf hindeuten, dass es eine Welt gibt, in der die USA herrschen. Um das aufzulösen, führt Ruff seine Helden bis nach Amerika und zurück, und er führt sogar einen Dschinn in die Handlung ein – was als literarisches Mittel etwas grob ausfällt.

Überaus lustig zeichnet er die arabische Weltmacht, die nicht ganz so überlegen ausfällt, wie man anfangs vermutet. Der Leser begegnet einigen Bekannten. Osama Bin Laden ist ein angesehener, allerdings wegen seines privaten Geheimdienstes und wegen seiner ideologischen Strenge auch gefürchteter Senator, eine Art muslimischer McCarthy. Saddam Hussein wandelt auf der Grenze der Legalität, Gewerkschaftsführer und Gangsterboss, eine Mischung, die man aus manchem Detektivroman kennt.

Seine Welt erklärt Ruff mithilfe der „Bibliothek von Alexandria“, der freien Internet-Enzyklopädie im Roman-Parallel-Universum. Und Bilder werden mit „Fotobasar“ manipuliert. Ein Gefolgsmann von Bin Laden versucht Mustafa so zu bekehren: „... zu Gottes Pfad zurückkehren ist ein schlichter Willensakt, und du hast einen starken Willen. Du könntest ein formidabler Gotteskrieger sein, wenn du nur wolltest. Wir könnten dir dabei helfen.“ Mal sprechen sie blumig-orientalisch, mal wie in „CSI Bagdad“.

Mustafa und seine Kameraden müssen sich mit Korruption und Intrigen herumschlagen, und je kaputter das Mirage-Arabien erscheint, desto mehr ähnelt es dem hysterisierten USA, in dem Geheimdienste auf Bürgerrechte pfeifen, überall Verschwörungen lauern und beinharte Tea-Party-Anhänger jeden als Feind ansehen, der nicht ihre Meinung teilt.

Matt Ruff: Mirage. Deutsch von Giovanni und Ditte Bandini. dtv, München. 490 S., 21,90 Euro

Quelle: wa.de

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